03.02.2025

Stefanie: „Wieso bewirbt eine Zeitung Alkohol?“

Was tun, wenn Dir Alkoholwerbung und die Verherrlichung „erlesener Getränke“ permanent im Alltag begegnen und Du völlig genervt davon bist?

Meine Programmteilnehmerin Stefanie hat dafür ein gutes Ventil gefunden: Sie schreibt an die Verantwortlichen und sagt ihre Meinung. Im November letzten Jahres hat sie zum Beispiel an die Süddeutsche Zeitung geschrieben und ihren Leserbrief auch an mein Team und mich weitergeleitet. Ich darf ihn hier mit Dir teilen:


Stefanie

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 25 Jahren lese ich die SZ, mal als Abonnentin, mal als Gelegenheitskäuferin. Immer, wenn es mir auf ausgewogene Informationen ankommt, konsultiere ich als seriöse Quelle die SZ. Man könnte sagen, ich bin ein Fan.

Noch nie fühlte ich den Impuls, einen Leserbrief zu schreiben. Heute schon.

Positiv überrascht war ich über den Bericht auf S. 51 „Mama trinkt“. Einfühlsam wird beschrieben, wie erfolgreiche Frauen sich abends erst mit einem Glas Wein belohnen, später mit einer Flasche. Wie sehr die Kinder darunter leiden. Eine Dame wird zitiert mit dem Wunsch nach einer Gesellschaft, die Kindern die Möglichkeit gibt, so aufzuwachsen, dass Alkohol nicht als erstrebenswert gilt, um frei und erfolgreich zu sein. Dass man es nicht braucht. Und es im Gegenteil sogar zerstörerisch sein kann. Sie kritisiert, in Deutschland werde der Konsum von Alkohol immer noch zu oft mit Geselligkeit, Spaß, Entspannung, Belohnung, Kreativität gleichgesetzt. Und nicht mit Elend, Aggressivität, Gewalt, Kriminalität, was man ja genau so gut machen könnte…

Nun frage ich mich, welchen Beitrag die SZ eigentlich leistet zu einer Gesellschaft, die Kindern von alkoholabhängigen Menschen hilft?

Besteht der helfende Beitrag etwa darin, nur wenige Seiten später (!) in der SZ-Vinothek einen Wein des Monats vorzustellen? Die Weine anzupreisen als ein „Fest für die Sinne“, „Verführung mit verlockenden Aromen“ und „puren Genuss und Freude“?

Oder besteht der helfende Beitrag in dem ebenfalls in dieser Ausgabe enthaltenen Test von alten Single Malt Whiskys?

Wenn ich es richtig sehe, verherrlichen Sie das Rauchen nicht. Haben Sie dafür eine gute Begründung?

Wieso muss eine Zeitung überhaupt Alkohol verkaufen? Das ist doch nicht das Kerngeschäft. Sie bereichern sich dadurch meiner Meinung nach an Abhängigkeit und leisten einen vollkommen unnötigen und vermeidbaren Beitrag zu einem Weihnachtsfest, an dem sich viele Eltern mit den eleganten SZ-Weinen oder einem schönen Highland Whisky sehr unelegant betrinken werden und viele Kinder in ihren Kinderzimmern leise weinen.

Offen gestanden hatte ich von der SZ deutlich mehr erwartet.

Mit besten Grüßen

Stefanie aus Norddeutschland


Die Süddeutsche Zeitung hat Stefanie übrigens bis heute nicht geantwortet. Schade, denn auch ich bin eigentlich Fan dieser Zeitung, auch schon seit Ewigkeiten Abonnentin. Ihr Umgang mit Alkoholwerbung und -verkauf ist mir allerdings auch schon häufig negativ aufgefallen.

Aber ich bin überzeugt davon, dass wir Augen öffnen und Dinge verändern können, wenn wir immer wieder auf die Normalisierung und Verharmlosung dieser Droge hinweisen. Daher: Wenn Dir Alkoholverherrlichung begegnet und sie Dich stört, nervt oder aufregt, musst Du das nicht stumm ertragen. Sag Deine Meinung, sei ruhig unbequem. Je mehr Menschen das tun, desto lauter werden wir. Und desto wahrscheinlicher wird es, dass wir gemeinsam etwas bewegen.


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