02.01.2021

Darf es mir überhaupt gut gehen?

In der Dezemberfolge hat Elisabeth Schwachulla sinngemäß gesagt, dass der Kater ihr dazu diente, ihren äußeren Zustand ihrem inneren anzupassen. Oder anders gesagt: Der Alkohol diente ihr dazu, sich selbst so fertigzumachen, dass sie Trost in ihrem eigenen Elend finden konnte. Als ich meinem Mann davon erzählt habe, hat er die Augenbrauen hochgezogen. Solche Gedankenkonstrukte sind ihm fremd. Mir nicht. Ich habe sofort verstanden, was Elisabeth damit meint. Diese Form von Autoaggression kenne ich nur zu gut. Sie begegnet mir manchmal noch immer.

So habe ich mich in letzter Zeit häufiger gefragt, ob mir meine Alkoholhölle auch dazu diente, mit der Ungerechtigkeit zurechtzukommen, die auf der Welt herrscht. Zum Beispiel damit, dass die einen in warme Wohnungen hineingeboren werden und die anderen in nasskalte Flüchtlingslager, in denen Ratten Babys beißen. Oder damit, dass die einen frei leben und sprechen dürfen, während die anderen verhaftet werden, wenn sie “Freiheit” rufen. Oder ja, auch damit, dass die einen ihren Weg aus der Alkoholsucht relativ leicht finden, während andere kämpfen und kämpfen und kämpfen.

Mich berührt so was. Es beschäftigt mich. Daran hat sich nichts geändert. Aber heute ziehe ich daraus andere Konsequenzen. Früher habe ich mir die Kante gegeben, mich außer Kraft gesetzt und eine innere Mauer zu meiner Gefühlswelt aufgebaut. Am nächsten Tag konnte ich mich dann in Katerdepression und Selbstmitleid suhlen – und dabei eine absurde Genugtuung verspüren, so ein: Wenn die Welt schon vor die Hunde geht, geht’s mir wenigstens auch beschissen. Was für ein egoistischer Kack.

Hartnäckiger egoistischer Kack, wie ich immer wieder feststellen muss.

Denn die Fragen tauchen noch immer auf. Wieso geht es mir so gut? Was gibt mir das Recht dazu, derart zufrieden und oft sogar glücklich zu sein? Darf ich das alles überhaupt genießen? Und – gerade sehr aktuell in meinem Kopf: Darf ich mir eine Auszeit nehmen, während andere so leiden? Was ich jetzt sage, mag etwas übertrieben klingen, aber mir hilft es, in solchen Momenten in die Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zu schauen.

Denn spätestens danach kenne ich die Antwort. Die Reaktion auf Unrecht und Ungerechtigkeit kann nicht sein, noch mehr davon zu schaffen. Sie kann nicht darin liegen, mich nach unten zu ziehen. Im Gegenteil. Sie muss darin bestehen, mit meinen Mitteln dafür zu sorgen, dass es möglichst vielen Menschen besser geht. Und um das zu erreichen, muss ich mit mir anfangen. Wenn ich dafür sorge, dass es mir gut geht, dann habe ich Energie für meinen Beruf und meine Familie. Dann kann ich meinen Kindern beibringen, wie sie auf sich achten und gleichzeitig daran arbeiten, dass möglichst viele Menschen ihren Weg aus der Alkoholsucht finden. Was würde es der Welt bringen, wenn’s mir schlecht geht? Nichts. Im Gegenteil: Meine Lieben würden sich Sorgen machen, meine Kleinen wären dauergestresst und meine Arbeit würde leiden. Das Gleiche gilt für Dich. Was bringt es der Welt, wenn’s Dir schlecht geht? Nichts. Hörst Du? Nichts.

Wenn Du also auch Gefahr läufst, Deine Alkoholhölle damit zu rechtfertigen, dass Du Unrecht schlecht ertragen kannst, sieh es mal so: Wenn es Dir gut geht, kannst Du einen Unterschied machen, etwas verändern. Dann hast Du Energie für die Dinge, die Dir wichtig sind. Aber nicht nur das. Denn wenn es Dir gut geht, sorgst Du schon allein durch Deine Anwesenheit dafür, dass sich in Deinem Umfeld etwas zum Besseren wendet. Weil Du ausstrahlst, was Du fühlst. Weil Du abfärbst, sowohl im Positiven als auch im Negativen.

Du hast also nicht nur ein Recht darauf, zu genesen und Dich besser zu fühlen. Du tust der Welt auch einen Gefallen damit. Also fang an – oder mach guten Gewissens weiter. Für Dich und für uns alle. Zieh Dich hoch und zieh andere mit. Mach es wie meine heutige Podcastgästin Michaela, die sich vor Kurzem dachte: Wozu das alles? Und jetzt mir unserer Folge dafür sorgt, dass Du supermotiviert in dieses neue Jahr starten kannst. Hier geht’s zu der neuen Podcastfolge mit ihr.

Ich umarme Dich und wünsche Dir alles erdenklich Gute für 2021.
Möge es Dein Jahr werden<3


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