Kerstin wollte sich nicht mehr verzweifelt fühlen

Ein bisschen Abstinenzpflege gefällig? Hier kommen ein paar neue “Warums” Deiner Mitstreiter*innen. Ein paar neue Antworten auf die Frage:

Warum wolltest Du aufhören zu trinken?

Ursula
Ich will mich nie mehr so fühlen: bohrende Kopfschmerzen, trockener Hals. Gedanken rasen beim Aufwachen durch den Kopf, wenn ich nach 3 Uhr, als ich schwitzend aufwachte, überhaupt nochmal zur Ruhe kam: Was hab’ ich gemacht? Was habe ich im Fernsehen gesehen? Wie bin ich ins Bett gekommen? Bin ich auf der Couch eingeschlafen? Wie werde ich den Tag überstehen? Oder nachdem ich aus war: Was habe ich gesagt? Habe ich jemanden beleidigt? Wie bin ich heim gekommen? Hastiger Blick auf das Handy. Muss ich mich bei jemandem entschuldigen? Ich will so nicht mehr leben. Nie mehr. Ich will mich nicht mehr vergiften und selbst zerstören. Ich will nichts verstecken müssen, ich will klar sein. Ich liebe mein neues Leben.

Sven
Ich hab nicht mehr gern getrunken aber musste es. Ich hab es gelernt. Ich bin aus dem Osten und in einer Firma beschäftigt, die deutschlandweit unterwegs ist. Eigentlich ne schöne Arbeit, Montagearbeit. Aber die Zeitvorgaben, die Unterkünfte, naja. Am Wochenende schon in der Früh die Betäubung. Den Frust wegtrinken. Aber wenn ich arbeiten musste das Warten bis Feierabend. Da wird man ganz gereizt, redet mit keinem, naja. Der Kater am nächsten Tag war immer Horror. Die Wohnung, das Haus ist langsam verwahrlost. So find ich nie ne Frau, keine Liebe und so kann ich sie auch nicht geben. Ich hab keine Kneipen in der Nähe, nur zwei Restaurants. Entweder ich gehe aus und bleib nüchtern oder bleib zu hause und kann mich betrinken. Also blieb ich seit Jahren zu Hause. Einst dachte ich mit 43 hab ich schon lang ne Frau und Kinder, hab es weg getrunken.
Nüchtern sein ist schön. Ich spüre das Leben wieder. Ich hab ne Woche frei und hab Montag ne größere Wanderung im oberen Erzgebirge gemacht. Es hat nach der ersten Stunde sehr angefangen zu regnen, ich hab es genossen. Der Regen spülte was ab, ich hab nur gespürt. Ein Schritt nach dem vorherigen, weiter geht es. Nicht abkürzen. Es gab keine Kneipe zwischendurch. Nur die Natur, die Fliegenpilze, meinen Proviant, ein schwarzes Eichhörnchen. Es sah mich erschreckt und verwundert an „montags bei Regen, ein Mensch?“ dachte es wohl.

Brigitte
Hmm, wollte ich das? Was wollte ich eigentlich, frage ich mich gerade. Ich war eher an einem Punkt, an dem ich langsam müde wurde, ständig irgendwas zu wollen bzw. nicht zu wollen, was letztlich das Gleiche ist. Ich wollte so nicht weitermachen, das hab ich gespürt. Was ich stattdessen wollte, wusste ich nicht so genau, aber ich wusste, dass sich nur wirklich was verändern kann, wenn ich den Alkohol sein lasse. Das war ziemlich unbequem, aber die einzig sinnvolle und wahre Antwort. Ich spürte, dass ich eine Entscheidung treffen muss; eine tiefe Herzensentscheidung. Das ist etwas anderes als mich in das immerzu nächste Wollen (Ich will 5 Kg abnehmen, ich will einen Marathon laufen, ich will mich besser ernähren, ich will… ) hineinzustürzen. Ich habe gewissermaßen aufgehört zu wollen. Ich habe entschieden. Es ist eine AbstinenzENTSCHEIDUNG, und das wiederum impliziert, dass ich mir in genau diesem Moment meine Freiheit wieder zurückhole.

Katja
Ich wollte mich nicht mehr darüber ärgern müssen, dass die Person neben mir ein bisschen mehr eingeschenkt bekommen hat. Ich wollte beim aktuellen Glas nicht ans übernächste denken. I spent my drinking years feeling inferior, not smart enough, not classy enough, and like a broken person. Ich war es satt mich wie ein Mensch zweiter Klasse zu fühlen. Um mein Potenzial zu wissen, es aber nicht erreichen zu können – mir stattdessen einzureden ich sei scheiße.

Ingo
Nach einigen eher halbherzigen Abstinenzversuchen bin ich seit nunmehr 7 1/2 Monaten nüchtern und meine Hauptmotivation war eindeutig eine absolute Authentizität: Ich hatte und habe keinen Bock mehr auf eine Parallelwelt. Ich kenne mittlerweile meine Grenzen und benenne Wünsche und Bedürfnisse offen und ehrlich – zu Alkoholzeiten brauchte ich häufig einen gewissen Pegel, war jedoch z.T. pampig und unsensibel.
Nüchtern genieße ich meine Freiheit, mein natürliches Selbstbewusstsein, meine Gesundheit, Gelassenheit und Ausgeglichenheit sowie das entspannte und neu erarbeitete Verhältnis zu meiner Frau und meinen Töchtern.
Ich liebe mein Leben, akzeptiere mich so wie ich bin und bin stolz auf das bisher Erreichte!
STRAIGHT EDGE FOREVER!!!

Kerstin
Ich wollte nicht mehr so weiterleben. Ständig benebelt, dauernd verkatert, all diese Lügen, diese große Scham. Ich wollte mich nicht mehr passiv und defensiv fühlen, nicht mehr klein und verzweifelt.
Ich wollte wieder leben, mich selbst wiederfinden oder neu entdecken.
Ich habe ständig auf Veränderung in meinem Leben gewartet, auf Ideen, wie es weitergehen kann, was ich noch erwarte, was ich will. Aber es fand sich einfach nix. Ich wußte nicht, was ich wollte, war antriebslos und wie ferngesteuert. Und es kam auch irgendwie niemand, der mir was bot, für mich entschied, meine Probleme löste. Also wurde mir irgendwann endlich klar, dass nur ich selbst der Schlüssel zu meinem Glück sein kann und das geht nur nüchtern. Denn ansonsten habe ich ja gar keine Kapazitäten für neue und schöne Dinge.