Warum Scham etwas Gutes haben kann

Selbst als mir klar war, dass ich alkoholabhängig bin, hab’ ich nicht aufgehört zu trinken. Meine Scham hielt mich davon ab. Es hat doch alles so vielversprechend angefangen, mit Eltern, die mich lieben. Mit so vielen Sicherheiten und Möglichkeiten. Und ich? Werde abhängig. Verschenke diese Geschenke, setze das alles in den Sand. Dafür habe ich mich so sehr dafür geschämt, dass ich lieber in der Alkoholhölle schmorte, anstatt mich daraus zu befreien. Monatelang noch. Ich hatte Angst davor, mich nicht nur innerlich vernichtet zu fühlen, sondern es auch äußerlich zu sein.

Als ich den Schritt in die Abstinenz dann endlich ging, stand mir die Scham noch immer im Weg. In mir brannte der Wunsch, meinen Podcast zu starten, aber es dauerte noch zwei Jahre, bis ich sagen konnte: Ich mach’s. Es brauchte Zeit und viel emotionale Aufräumarbeit, bis ich endlich begriff: Es gibt nichts, für das ich mich zu schämen brauche. Ich bin ok. Ich bin genug. Und ich werde nicht eine Sekunde länger so tun, als wäre ich eine andere als die, die ich bin.

Bei meinem aktuellen Podcastgast Olaf Beck war das anders. Er hat sich während seiner Abhängigkeit vor allem für die Folgen geschämt, die das Trinken mit sich brachte. Dafür, wie es sich auf seine Sexualität, auf sein Fahrverhalten und auf sein Gewicht ausgewirkt hat. Und auch heute hat Olaf noch eine andere Sichtweise auf Scham als ich.

Olaf

Sprichst Du über Deine Alkoholsucht? Oder wird Dir allein beim Gedanken daran noch ganz anders? In der heutigen Folge mit dem wunderbaren @olafphilipbeck geht es unter anderem darum, warum es gut tut, Gesicht zu zeigen. Warum es heilsam ist, sich nicht zu verstecken – für Dich und für andere.

Olafs Geschichte ist in vielerlei Hinsicht typisch: Toleranzentwicklung, Heimlichkeit, Angst vorm Aufhören etc. Aber in unserem Gespräch dachte ich auch ein paar Mal: What? So habe ich das bis jetzt noch nie gehört. Ein Beispiel dafür ist, wann und wie Olaf Scham empfunden hat. Hier unser Outtake:

Nathalie: Deine Kolleg*innen wussten nichts von Deiner Alkoholsucht, oder?

Olaf: Doch! Nathalie! Tag 1, als ich nüchtern war, hab‘ ich in die Welt gerufen: Hallo! Ich bin Alkoholiker. Ich bin aber trocken seit zwei Tagen, bin ich nicht ein toller Hecht?

Nathalie: Hahahaha. Also das war bei mir anders. Hast Du Dich wirklich nur in den Jahren geschämt, in denen Du süchtig warst? Danach nie?

Olaf: Nein, nie. Es war und ist immer so ein: „Ich hab‘ mal getrunken, deswegen trinke ich heute nicht mehr. Ich will es nicht mehr.” Das zu sagen fühlt sich jedes Mal superschön an. Null Scham. Null. Weil der tollste Kick in meinem Leben ist, nüchtern zu sein. Das ist mein Lebenskick. Ich erlebe alles viel schöner, seitdem ich nicht mehr trinke.

Nathalie: Und was sagst Du Leuten, die Dir sagen: Boah Olaf, ich will aufhören, aber ich schäme mich so, dass ich dieses Problem habe.

Olaf: Kann ich verstehen. Lass das zu. Scham hat ja auch was Regulierendes. Scham führt ja auch zu der Frage: Wie kann ich in einen Zustand kommen, dass ich mich nicht mehr schäme? Scham heißt, Du beschäftigst Dich damit. Wenn Du Dich schämst, dass Du trinkst, bist Du schon ganz weit.

Nathalie: Interessante Sichtweise auf Scham. Ein Indikator dafür, dass man ein Problem hat.

Am Anfang kam mir das etwas zu kurz gegriffen vor. Klar, bei Abhängigkeit leuchtet das ein: Ich schäme mich, dass ich immer wieder mehr trinke als ich eigentlich will. Diese Scham zeigt mir, dass ich ein Problem habe. Dieses Problem kann ich lösen, indem ich aufhöre zu trinken. Aber was ist mit Missbrauchsopfern? Wo hat Scham da etwas Regulierendes? Was ist mit Menschen, die sich hässlich fühlen, weil sie eine große Nase haben? Weil sie mehr wiegen als in unserer Gesellschaft als schön gilt? Müssen die dann abnehmen, um ihre Scham zu überwinden? Diese Gedanken schossen mir bei unserem Interview durch den Kopf.

Als ich in Ruhe darüber nachdachte, wurde mir klar, dass Olaf auch in diesen Fällen Recht hat. Ja, Scham weist auf ein Problem hin. Aber nicht in dem Sinne, dass Du das Problem bist. Sondern in dem Sinne, dass Du eine Wunde hast, die geheilt werden will. Scham zeigt Dir, wo es weh tut. Sie zeigt Dir: Schau mal, hier bist Du nicht mit Dir im Reinen. Hier gilt es anzupacken und etwas zu verändern. Entweder an Deiner Denkweise oder an Deinem Verhalten oder an Deinem Umfeld. Manchmal an allem. Beim Trinken sicherlich an allem.

Das ist ein Weg und er braucht Zeit. Ich empfehle, ihn Schritt für Schritt zu gehen. Jeden Tag ein bisschen was verändern. Jeden Tag ein bisschen was für Deine Abstinenz tun. Das reicht. Und meistens ist das nachhaltiger als alles auf einmal erreichen zu wollen. Heute kannst Du Dir zum Beispiel die Podcastfolge mit Olaf und mir anhören. Da warten einige hilfreiche Erkenntnisse auf Dich – mal ganz davon abgesehen, dass es ein Fest ist, Olaf zuzuhören.

Hier Podcastfolge anhören