So beugst Du Rückfällen vor

Wenn Du nüchtern wirst, hörst Du irgendwann wahrscheinlich mal diesen bescheuerten Satz hier: “Ach ne, Du darfst ja nicht trinken.” Boah, mich hat der in den ersten Monaten so aufgeregt. Wie ignorant er doch niedermachte, was ich mir gerade aufbaute. Er hatte so wenig mit dem zu tun, was sich da in mir breit machte. Dieser Satz verleugnete meine Realität.

In der wich dieses “Du darfst nicht” recht schnell einem “Ich muss nicht. Oh Gott sei Dank muss ich nicht mehr”. Das ist bis heute so. Alkohol übt keinen Reiz auf mich aus. Ich verspüre kein Bedürfnis mehr zu trinken. Schon seit Jahren nicht mehr. Ja, ich fühle mich sicher mit meiner Abstinenz. Aber dass ich das tue, liegt wahrscheinlich nicht nur daran, dass es ‘Klick’ gemacht hat. Es liegt meiner Meinung nach auch daran, dass ich aktiv dafür sorge, nüchtern zu bleiben. Zum Beispiel, indem ich mir immer wieder vor Augen führe, warum ich mit dem Trinken aufgehört habe.

Ich tue das, weil ich um den sogenannten Fading Affect Bias (FAB) weiß. Damit beschreiben Psychologen das Phänomen, dass wir positive Erinnerungen im Vergleich zu negativen viel stärker in Erinnerung behalten. Unser Hirn ist ein alter Nostalgiker. Es färbt uns die Vergangenheit im Nachhinein schön. Das bedeutet: Wenn Du nicht in Erinnerung behältst, wie beschissen es Dir mit Alkohol ging, dann kann es gut sein, dass Dein Kopf bald voll von verklärten Bildern und Gefühlen ist. Dann kann es gut sein, dass genau diese verklärten Bilder bald all das Elend überstrahlen, das er Dir beschert hat. Und dann kann es gut sein, dass Du es plötzlich für eine gute Idee hältst, doch mal wieder zu trinken. Unheimlich, oder?

Eine bewährte und einfache Möglichkeit, Dich davor zu schützen, ist es, Dich zu erinnern. Dabei unterstütze ich Dich ab heute, indem ich an dieser Stelle immer wieder “Warums” meiner Teilnehmer*innen und Hörer*innen mit Dir teile – natürlich und wie immer mit deren Einverständnis. Ihre Gründe werden Dich an Deine erinnern. Und somit dazu beitragen, dass Du nüchtern bleibst. Oder besser gesagt: nüchtern bleiben darfst. 

Den Anfang macht Jana, die vor Kurzem mein 30-Tage-Programm absolviert hat und seitdem nüchtern lebt.

Janas “Warum”

Ende Mai dieses Jahres bin ich 50 geworden und hab’ mich mit allen meinen Lebensumständen intensiv betrachtet: Ich war festgefahren, erschöpft, unmotiviert, kraftlos, mutlos. Mein Aktionsradius war immer kleiner geworden. Ich pendelte noch zwischen meiner Arbeit und der Verantwortung für meine beiden Kinder (meine Tochter ist 22, mein Sohn 16). Seit meiner Scheidung vor elf Jahren leben die Kinder im Wechselmodell – eine Woche bei mir, eine bei ihrem Vater, was in unserer Situation für mich ein echter Kraftakt war.

Ich hatte noch zwei Freundschaften, die ich halbwegs regelmäßig pflegte. Ansonsten habe ich mich in den Wochen, in denen die Kinder nicht bei mir waren, fast täglich betrunken. Ich war unter keiner Beobachtung, ich musste niemandem Rechenschaft ablegen über mein Tun. Da ich wusste, dass ich betrunken eine traurige Figur abgebe und ich in der Öffentlichkeit nicht herum lallen wollte oder die Kontrolle verlieren, bin ich dann auch nicht mehr weggegangen.

Immer, wenn ich in Gesellschaft war, hatte ich ein solch großes Bedürfnis, Alkohol zu trinken, fand allerdings kein Maß. Ich musste mich so zusammen reißen, mich auf zwei, maximal drei Gläser zu beschränken, dass diese Abende für mich nichts von Leichtigkeit und Lebensfreude hatten, sondern von Schwere und immenser Anstrengung. Das entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von Geselligkeit.

Pünktlich zur Arbeit zu gehen, habe ich meistens geschafft, doch es strengte mich immer mehr an. Ich freute mich dann auf die Gelegenheit, in Ruhe abends zu Hause zu trinken. Doch die Filmrisse nahmen zu. Ich blieb manchmal einfach da liegen, wo ich „umgefallen“ oder zusammengesackt war. Und am Morgen beim Blick in den Spiegel widerte ich mich geradezu an. Die Haut war grau, die Augen leuchteten nicht, tiefe Falten um den Mund, die Haare stumpf. Ich hatte mich anders in Erinnerung…

Immer wieder hatte ich Versuche unternommen, abzunehmen, nichts zeigte Wirkung, im Gegenteil, ich wurde immer unförmiger. Erschrocken hatte ich mich dann auch, weil mein Leben aus zu viel negativem Gefühl bestand. Ich erlebte mich plötzlich als ein zutiefst neidischer Mensch. Das kannte ich von mir so nicht. Ich konnte immer sehr gut anerkennen, wenn andere fitter sind oder Dinge besser beherrschen. Und dann hat es mich motiviert, mich auch zu entwickeln. Davon spürte ich jetzt gar nichts mehr, noch nicht mal im Ansatz.

Alkohol hat lange Zeit in meinem Leben eine große Rolle gespielt – mit viel Heimlichkeit, mit Versteckspielen und auch öffentlichen Abstürzen. Als ich dann nach meinem Geburtstag entsetzt feststellte, dass ich auch wieder trank, wenn meine Kinder in der Nähe waren und ich es nicht mehr abwarten konnte, bis der „Wechsel“-Tag anstand, war das für mich ein Alarmzeichen. Und ich muss etwas ändern.

Ich will aufhören zu trinken, um wieder lebendig zu sein, beweglicher – in vielerlei Hinsicht, um wieder genießen zu können, die Dinge positiv zu sehen. Um mich wieder gern zu betrachten, um auch andere wieder gern zu betrachten, ihnen aufgeschlossen in die Augen zu schauen, mich mit ihnen intensiv zu unterhalten und auszutauschen. Ich will aufhören zu trinken, um mich vor anderen – vor allem vor meinen Kindern – nicht mehr verstecken zu müssen. Eigentlich will ich wieder ich selbst sein.