Deshalb kann Dir alkoholfreies Bier so gefährlich werden

Meine Mutter hat letztens einen Satz gesagt, der mich vor Freude in die Luft hüpfen ließ: “Papa und ich probieren jetzt mal alkoholfreien Wein aus.” Das hat mich ehrlich überrascht. Denn obwohl Wein ein fester Bestandteil ihres Lebens ist, haben meine Eltern meiner Meinung nach beide kein Alkoholproblem. Ich hörte weiter zu: “Du sagst doch immer, dass auch kleine Mengen Alkohol schon schaden. Und mir geht es beim Wein ja nicht um den Alkohol, mir geht es um den Geschmack. In dieser ZDF-Doku mit Dir, da war doch dieser Winzer, der alkoholfreien Wein herstellt. Bei dem bestellen wir jetzt einfach mal einen Karton und probieren das aus.”

Das macht mich so, so glücklich. Zum einen, weil ich meine Eltern sehr liebe. Und weil es ihnen natürlich besser geht, wenn sie alkoholfrei trinken. So wie jedem anderen Menschen auf diesem Planeten auch. Alkoholproblem hin oder her, es gibt keinen gesunden Alkoholkonsum. Nachlesen kannst Du das zum Beispiel hier. Es macht mich aber auch insofern glücklich, als der Schritt meiner Eltern zeigt, dass sich da gerade etwas verändert in unserer Gesellschaft. Alkoholfrei wird normaler und das freut mich so sehr. Denn langfristig betrachtet bedeutet das für Menschen wie Dich und mich, auf dem Weg aus der Sucht eine Hürde weniger nehmen müssen. Entsetzte Ausrufe wie “Was?! Du trinkst keinen Alkohol?” werden wir wohl nicht mehr so oft hören. Und das wiederum führt im Idealfall dazu, dass Menschen wie Du und ich erst gar kein Alkoholproblem entwickeln. So wie immer weniger Menschen nikotinabhängig werden, weil sie einfach nicht mehr anfangen zu rauchen.

Alkoholfreies Bier, alkoholfreier Wein, alkoholfreier Gin:
Das sind die Risiken

Doch so sehr ich diese Entwicklung auch abfeiere: Ich werde den alkoholfreien Wein nicht trinken, wenn meine Eltern ihn kredenzen. Und Dir rate ich, das auch nicht zu tun, wenn Dir mal jemand welchen anbietet. So wie ich Dir auch von alkoholfreiem Bier, alkoholfreiem Gin und alkoholfreiem Was-auch-immer-eigentlich-alkoholisch-ist abrate. Das hat mehrere Gründe. Ich habe sie mal sortiert und zusammengefasst:

1. Manchmal ist noch Alkohol drin

Das gilt vor allem für “alkoholfreies” Bier. Warum Dir das gefährlich werden kann, liegt auf der Hand: Solange Du noch Alkohol trinkst, bist Du nicht nüchtern. Wenig trinken funktioniert auf Dauer nicht, wenn Du schon im Problem steckst. Nein, auch nicht bei Dir. Vertraue da ruhig auf die Erfahrung von Abermillionen von Menschen, die das intensivst und dennoch erfolglos probiert haben.

“Aber Nathalie, es gibt auch alkoholfreies Bier mit 0% Alkohol.”

2. Stimmt, aber es kann Dich auch mit 0% triggern

Das liegt daran, dass Alkoholsucht vielschichtig ist. Sie lässt sich nicht auf die reine Wirkung reduzieren, die Alkohol auf unseren Körper hat. Sie sitzt auch im Drumherum. Wenn Du eine Flasche Bier öffnest, dann hörst Du Bier, riechst Du Bier und schmeckst Du Bier. Die Hirnregionen, in denen Deine Sucht verankert ist, sind auf der Stelle aktiviert. So nährst Du neuronale Verbindungen, die Du eigentlich loswerden möchtest – und senkst die Hemmschwelle, die Prozentzahl bald wieder zu erhöhen.

“Aber Nathalie, ich habe damals nur Wein getrunken. Alkoholfreies Bier triggert mich null.”

3. Es ist und bleibt eine Kopie

Mich erinnert dieses Argument immer an Kräuterzigaretten. Mit denen habe ich ein paar Mal probiert, mit dem Rauchen aufzuhören. Erschien mir perfekt. Ich konnte noch immer rauchen – ohne zu rauchen. Und nach einer Kräuterzigarette hatte ich gar kein Bedürfnis, mir noch eine davon anzustecken. Das Blöde war nur: Das Bedürfnis zu rauchen verschwand nicht so richtig. Ich dachte, schlauer zu sein als die Sucht. Mit der Kräuterzigarette sagte ich ihr: “Schau, ich kann Dich austricksen, ätschibätsch.” Und die Sucht? Lachte sich eins ins Fäustchen und sagte nur: “Es wird immer eine Kopie bleiben und das weißt Du.” Jedes Mal habe ich mit dem Rauchen wieder angefangen.

“Aber mir ist alles andere zu süß und Wasser zu langweilig.”

4. Sorry, aber das ist ‘ne faule Ausrede

Wirf Dir ein paar Gurkenscheiben ins Wasser. Oder Minzblätter. Mach Dir ‘ne Grapefruitschorle, ‘ne heiße Zitrone mit Pfeffer oder trink Tomatensaft. Und wenn Du das alles auch nicht magst: Gewöhn Dich an Wasser. Das geht. Ich zum Beispiel trinke mittlerweile tatsächlich am allerliebsten Sprudelwasser. Außer morgens. Da trinke ich gern Kaffee. Wo mir einfällt: Mein Vater hat seinen Kaffee jahrelang abartig süß getrunken. Das war ihm irgendwann zu ungesund. Also hat er’s sich abgewöhnt. Heute trinkt er ihn ungesüßt und genauso gern wie früher.

“Aber Nathalie, es hilft mir dabei, nüchtern zu bleiben. So habe ich abends etwas, auf das ich mich freuen kann – und beim Grillfest etwas, an dem ich mich festhalten kann.”

5. Wir nähern uns dem Kern:
Um mit dem Trinken aufzuhören, reicht es nicht, mit dem Trinken aufzuhören

Zumindest meiner Meinung und Erfahrung nach. Um uns dauerhaft von der Sucht und dem Gedankengefängnis, das sie uns gebaut hat, zu befreien, müssen wir unser Denken ebenso auf den Kopf stellen wie unseren Alltag. Das ist am Anfang schmerzhaft, keine Frage. Aber wenn Du in den sauren Apfel beißt und Dir Gewohnheiten zulegst, die nichts mit der alkoholischen Trinkkultur zu tun haben. Wenn Du Dir neue Dinge suchst, die Dir ein Gefühl von Zugehörigkeit und Belohnung verschaffen, wenn Du Dich löst von “Deinem Bierchen, das Du Dir gönnst”, von “Deinem Weinchen, mit dem Du’s Dir schön machst”, dann entsorgst Du nicht nur den Alkohol, sondern auch das Damoklesschwert, das seine alkoholfreien Geschwister über Dir schweben lassen. Dann bist Du der inneren Freiheit ein großes Stück näher.

“Aber Nathalie, Du sagst doch immer, dass jeder seinen eigenen Weg gehen soll.”

6. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass Du nüchtern wirst und bleibst

Ich schreibe das hier alles nicht, um Dir den Tag zu verderben. Ich schreibe das, weil ich will, dass Du dauerhaft nüchtern bleibst. Das Risiko, das alkoholfreie Alternativen für uns bergen, halte ich aus genannten Gründen für zu groß. Und auch für unnötig. Oder, um im Bild zu bleiben: Meine Wegbegleitung besteht sowohl darin, Dich anzufeuern, als auch darin, Dich auf Stolperfallen aufmerksam zu machen. Das hier ist so eine.

“Aber ich lebe seit Monaten mit alkoholfreiem Bier. Gilt meine Abstinenz jetzt noch?”

7. Natürlich

Ich habe mittlerweile einige Teilnehmer*innen, denen alkoholfreies Bier in der ersten Zeit geholfen hat und deren Abstinenz ich ein paar Monate später als sehr stabil einstufe. Als Übergangslösung scheint das für manche zu funktionieren. Wenn Du also schon eine Zeit lang ‘gut’ so lebst, dann würde ich zumindest nicht rufen: “Bist Du des Wahnsinns?!” Aber dann möchte Dir trotzdem sagen: Lass es lieber.