Habe ich ein Alkoholproblem, obwohl ich abends nur ein Glas trinke?

Dieser Blogpost beginnt mit ein paar Zeilen, die meine Hörerin Andrea mir geschickt hat:

“Liebe Nathalie,
ich kenne keine Abstürze. Ich habe immer aufhören können, bevor ich mein Bewusstsein verlor. Es ist mir auch nie passiert, dass ich einen Filmriss hatte oder neben einem Mann aufgewacht bin, für den ich mich schämen musste. Ich habe den Zustand betrunken zu sein anfangs auch überhaupt nicht gemocht. Ich trank, um meine Gedanken runterfahren zu können. Ich trank immer in Maßen, immer nur ein Gläschen, aber regelmäßig und immer wieder.”

Ihre Nachricht erinnerte mich an dieses eine AA-Meeting, das ich ganz am Anfang meiner Abstinenz mal besucht hab’. Dort erzählte eine Frau, dass sie jeden Abend “a Hoibe” getrunken hat, wie man in Bayern sagt. Also einen halben Liter Bier. Ich weiß noch, wie ich damals dachte: Wieso sitzt Du hier? Was machst Du hier? Ich konnte es ehrlich nicht verstehen. Genauso wenig, wie ich Andrea damals verstanden hätte, die weiter schrieb:

“Vor 25 Jahren habe ich in einer Fernsehsendung mit Alfred Biolek gehört, dass man bei Einschlafproblemen keine Schlaftabletten zu nehmen braucht, sondern dass ein gutes Glas Rotwein genau so einen Effekt hat, nur ebend nicht gesundheitsschädlich ist. Damals hieß es noch, dass Rotwein der einzige Alkohol ist, der nicht schädlich ist. Teilweise habe ich zwei Stunden gebraucht um ein kleines Glas davon auszutrinken, um dann endlich einschlafen zu können. So fing alles an. Seitdem schlich sich der Alkohol langsam und allmählich in mein Leben. Aus dem einen Gläschen sind dann zwei geworden. Mittlerweile ist mir bewusst, dass das ein Problem war.

Ja, auch Andrea hätte ich vor ein paar Jahren fassungslos gegenübergestanden und gesagt: “Ich bitte Dich, Andrea, Du hast doch kein Alkoholproblem! Von zwei Gläschen pro Abend träume ich!” Aber damals wusste ich eben noch nicht, dass das entscheidende Kriterium hier das Verlangen ist. Die Tatsache, dass es ohne Hoibe oder Gläschen am Abend nicht geht. Ich verstand nicht, dass die Menge nicht zwangsläufig eine Rolle spielt. Erst viel später wurde mir klar, wie vielschichtig diese Sucht ist. Und wie erfinderisch der süchtige Geist – der genau diese Unterschiede für sich zu nutzen weiß.

In meiner aktuellen Podcastfolge spreche ich mit Carina Teutenberg. Sie zählte zu denjenigen, die es krachen ließen, wenn sie tranken. Zu denjenigen, mit denen Andrea begründen konnte, warum sie kein Problem hat. Aber auch Carina konnte das super. Wie wir alle.

Carina

🔸NEUE PODCASTFOLGE🔸

Was tun, wenn Du aufhörst zu trinken und plötzlich anfängst, nonstop zu essen? Oder Sport zu treiben, als gäb’s kein Morgen? Und wie sollst Du das mit dem Rauchen am besten machen? Direkt auch sein lassen oder lieber warten? In der neuen Folge rede ich mit der Fastenleiterin @carinateutenberg_sunnyside über Suchtverlagerung.

Das Interview ist auch insofern spannend, als Carina so ein Paradebeispiel für den riesengroßen Graubereich zwischen schlechter Gewohnheit und körperlicher Abhängigkeit ist. Für den Graubereich, in dem sich allein in Deutschland Millionen (!) von Betroffenen durch Onlinetests mogeln und noch immer tausend Gründe dafür finden, warum sie kein Alkoholproblem haben. Hier unser Outtake:

Carina: Ich hab’ letztens bei @focus_online wieder so eine Aussage gelesen wie ‚Wer zwei Mal pro Woche verzichten kann, der hat ja kein Alkoholproblem‘.

Nathalie: Oh Gott, das hab’ ich auch gelesen. Da dachte ich auch nur: Leute, wieso macht ihr immer weiter mit dem Scheiß?

Carina: Ja, das ist einfach populistischer Quatsch. Wenn nicht lebensgefährlich, dann zumindest lebensglückgefährdend. Das sind einfach Falschaussagen. Ich hab’ nie jeden Tag die Woche getrunken.

Nathalie: Ne, ich auch nicht.

Carina: Ich hab’ nie morgens Alkohol getrunken. Ich hab’ keinerlei körperliche Abhängigkeit gehabt und doch hatte ich absolut ein Alkoholproblem. Aber ich hab’ mich natürlich gern hinter allem versteckt, womit ich mich davon distanzieren konnte.

Nathalie: Ja, das funktioniert ja leider auch recht lange. Für sehr viele.

Carina: Ja und diese riesige Menge in der Mitte, die würde ich so gerne ansprechen. Weil da gibt’s wirklich noch die Chance, da noch relativ leicht den Absprung zu kriegen. Bevor man in eine körperliche Abhängigkeit oder in einen wirklich ungesunden Zustand für den Körper gerät. Du erreichst diese Menschen mit Deinem Podcast. Deswegen war es mir so ein Anliegen, eine Folge mit Dir aufzunehmen.

Nathalie: Möge sie viele davon erreichen.

Diese riesige Menge in der Mitte manövriert sich mit ihren Ausreden Schritt für Schritt gen Alkoholproblem. Und wenn wir uns schon nicht gemeinsam abschießen, spätestens hier kommen wir uns dann doch noch nah. Oder wie Andrea schreibt:

“Gefühlt verlief bei mir alles anders als ich es bisher von Alkoholabhängigen gehört habe. Aber am Ende kommen die gleichen Probleme an die Oberfläche. Ich kam morgens schlecht aus dem Bett und brauchte erst einmal Unmengen Kaffee, um wach zu werden. Ich war ständig erschöpft, einfach nicht in meiner Kraft, konnte mein Potenzial nicht ausleben, verpasste Chancen, mein Nervenkostüm wurde immer dünner. Heute weiß ich: Man muss nicht besoffen sein, um ein Alkoholproblem zu haben!”

Nein, das muss man nicht. Genauso wenig wie man automatisch ein Alkoholproblem haben muss, wenn man jeden Abend “ein Gläschen” trinkt. Aber wenn Du solche Konsequenzen spürst wie Andrea, dann ja, hast Du’s wohl. Für noch mehr Klarheit kannst Du Dir auch folgende Fragen stellen: Fängst Du schon Stunden vorher an, Dich auf Dein Gläschen zu freuen? Beunruhigt Dich der Gedanke, es heute mal nicht zu trinken? Nimmst Du Dir vielleicht sogar morgens vor, es mal wegzulassen, trinkst es dann aber doch wieder? Ist aus dem Gläschen in letzter Zeit mehr geworden, wenn Du ehrlich bist?

Wenn du diese Fragen mit “ja” beantwortest, hast Du Deine Antwort auch. So wie Andrea. Sie trinkt abends mittlerweile Johannisbeer- und Rhabarbersaftschorle. Zum Einschlafen übt sie Yoga. Nach 25 Jahren geht es ihr besser denn je.