Muriel Baumeister, Alkoholsucht und Corona

Als ich Muriel Baumeister Anfang Januar in Berlin traf, war die Welt noch eine andere. Einen Tag vorher hatte die Weltgesundheitsorganisation zwar verkündet, dass sie in China den Ausbruch einer neuen Viruserkrankung beobachtet, aber das erschien mir weit weg. In meinem Kopf ging es um die Teilnehmer*innen meiner Onlineprogramme, Pressearbeit für meinen Podcast und den Aufbau meiner Firma, die ich wenige Tage zuvor gegründet hatte. Manchmal vergaß ich, dass ich im achten Monat schwanger war, so sehr beschäftigte mich das alles. Also wirklich kein Platz für irgendein Virus in China.

Nein, an diesem Tag, in dieser anderen Welt stand das Interview mit Muriel an, die Ende vergangenen Jahres ihren Bestseller “Hinfallen ist keine Schande, nur Liegenbleiben” rausgebracht hat. Sowohl das Buch als auch das Interview lieferten die Grundlage für meine aktuelle OAmN-Podcastfolge. Auf Instagram habe ich zur Veröffentlichung diesen Outtake gepostet, also einen Teil des Interviews, der nicht in der Folge gelandet ist.

Muriel

Foto: Mirjam Knickriem

Ich rede mit der Schauspielerin @muriel__baumeister über den falschen Freund Alkohol und darüber, wie es ist, wenn die Boulevardpresse über Deine Alkoholsucht berichtet. Spoiler: nicht schön. Oder wie Muriel sagt: “Das war ‘ne Hinrichtung, was die betrieben haben.”

Auch in diese Folge hat es nicht alles geschafft, worüber wir gesprochen haben. In einem dieser aussortierten Ausschnitte geht es um ein Thema, das vielleicht mal in einer künftigen OAmN-Episode eine Rolle spielen wird: Gott.

Muriel: Ich habe den Glauben an mich und an mehr in dieser ganzen Alkoholismuszeit verloren. Jetzt hab’ ich ihn wieder zurück. Also ich bin in keinem Verein, weder evangelisch noch katholisch. Gott ist eine dicke, schwarze Mama und sie lacht. Das trifft’s eher so bei mir. 

Nathalie: Hm, Gott ist mir immer noch ein bisschen zu groß als Begriff. Vielleicht kommt das aber noch. Auch das ist ja oft ein Prozess. Aber das war für mich so lange so große Spinnerei, da muss ich mich erstmal wieder ganz vorsichtig annähern. Momentan komme ich mit dem Begriff “Urvertrauen” am besten klar. Urvertrauen in mich und andere. Im Sinne von: Alles, was ich brauche, liegt in mir und tief im Innern sind die Menschen gut.

Muriel: Oder so. Also ich fange ganz oft tierisch an zu lachen. Letztens ging ich an Glascontainern vorbei und da standen 18 Flaschen von dem Weißwein, den ich geliebt habe. Und dahinter standen drei Flaschen Smirnoff Vodka und zwei Flaschen Veuve-Clicquot-Champagner. Und ich nur so nach oben: “Ja, findste witzig. Ja, haste gelacht. Ja ok, ist lustig.” Dann habe ich auch gelacht und gedacht: “Geil. Und nichts davon hat mehr mit mir zu tun.”

Was ich in dem Post nicht erwähne: Ursprünglich war dieser Termin für ein Doppelinterview mit dem Stern angesetzt. Es sollte noch im Januar gedruckt werden. Aber dazu kam es nicht. Ein anderes Ressort hatte ebenfalls eine Geschichte zum Thema Alkohol geplant, eine Titelgeschichte wohlgemerkt. Journalistisch betrachtet kann man zwei Stücke dieser Art im selben Heft in so kurzer Zeit als unsexy betrachten. Die Verantwortlichen beim Stern taten das und unser Doppelinterview musste dran glauben.

Allerdings wandte sich der Autor der Titelgeschichte kurz darauf ebenfalls an mich, um mich zu meinem Podcast zu interviewen – als Gesicht einer modernen Herangehensweise an dieses schwierige Thema. Die Story sollte im März gedruckt werden. Aber dazu kam es nicht. Corona schob sich auf die Titelseiten. Die Alkoholgeschichte landete in der Warteschleife. Der Redakteur schrieb mir:

“Wir wollen den Leuten in diesen Wochen nicht auch noch ihren Wein vermiesen. Die Allermeisten haben ja gerade andere Sorgen. Auch wenn das Thema natürlich weiterhin wichtig ist. Denn nach allem, was wir wissen, lassen es die Menschen gerade sehr locker angehen, was Alkohol angeht. Als Seelentröster, zur Angst- und Sorgenbekämpfung usw.”

Mit seinem letzten Satz trifft er den Nagel wohl auf den Kopf. Denn wozu greift ein großer Teil der Bevölkerung, wenn’s eng wird? Richtig, zum Glas. Dabei ist natürlich gerade dieses gezielte Trinken äußerst gefährlich. Wer Alkohol einsetzt, um zu schlafen, um zuvergessen, um zu entspannen, um sich zu belohnen etc. Wer also wegen der Wirkung trinkt, bewegt sich geradewegs Richtung Sucht – wenn er nicht schon dort gelandet ist. Meine Podcastfolge mit Muriel illustriert das geradezu beispielhaft.

Die Seuche und die Sucht

Corona begünstigt den Übergang von schlechter Gewohnheit zur Sucht aber noch aus einem anderen Grund: Vielen fehlt zu Hause die soziale Kontrolle. Wenn keiner mitbekommt, wann und wie viel ich trinke, dann steht das Glas Wein halt auch gern schon mal um 13 Uhr neben dem Rechner, die leere Flasche um 17 Uhr in der Küche, die zweite wenig später auf dem Tisch. Ich vermute, in dieser neuen Welt wird noch einiges an Arbeit auf mich zukommen.

Was ich meinen künftigen Teilnehmer*innen zum Thema Urvertrauen dann sagen werde, habe ich im Instagrampost ebenfalls nicht erwähnt: Ich glaube nicht nur an das Gute im Menschen. Ich glaube auch, dass jede von uns dazu in der Lage ist, sich vom Alkohol zu befreien. Dass jeder alles in sich trägt, was es für eine zufriedene Abstinenz braucht. Und eines steht fest: Nüchtern ist die Welt plötzlich auch eine andere – in dem Fall allerdings eine schönere.

Die Stern-Titelgeschichte ist dann übrigens doch noch relativ schnell erschienen, nämlich im aktuellen Heft. Außerdem war ich aus diesem Anlass zu Gast im “Wir und Corona”- Podcast. Es gibt also eine Menge zu lesen und zu hören. Ich wünsche Dir damit viel Freude, Motivation und Inspiration.

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