Die Kunst, ohne Alkohol zu leben

In der Abstinenzszene fällt gern mal folgendes Sprichwort: Nüchtern werden ist einfach, nüchtern bleiben ist die Kunst. Ich bin daran immer hängen geblieben, fand es irgendwie nicht schlecht, brachte es aber nie über die Lippen. In der vergangenen Woche habe ich mir mal Gedanken darüber gemacht, woran das lag. Mein Ergebnis: Den zweiten Teil  unterschreibe ich, den ersten halte ich für weltfremd.

Nüchtern werden

Nüchtern werden ist einfach? Ernsthaft? Dieser Halbsatz boxt all jenen ins Gesicht, die das gerade versuchen – oder die gerade noch verzweifelt nach Gründen und Wegen suchen, genau das nicht versuchen zu müssen. Er ignoriert all die Versunsicherung, die inneren Kämpfe, die Mechanismen der Sucht, die es am Anfang zu überstehen gilt. Er verdrängt die Tatsachen. Wäre es einfach, würde eine kurze Google-Suche nicht sofort die Adressen von über 40 deutschen Suchtkliniken ausspucken, auf deren Wartelisten sich die Namen aneinanderreihen. Wäre es einfach, hätten Selbsthilfegruppen nicht Millionen von Mitgliedern. Wäre es einfach, hätte ich nicht so viel zu tun.

Klar, es gibt einige, denen der eigentliche Schritt, mit dem Trinken aufzuhören, nicht schwer fällt. Immer wieder schreiben mir Teilnehmer*innen meines 30-Tage-Programms Mails mit Worten wie: “Seit 30 Jahren habe ich diese nebelige Decke mit Verachtung getragen, meinen Körper misshandelt und mich gehasst […] Und nun? Ich bin nüchtern und es ist soo verdammt einfach.” Immer wieder erreicht mich die Frage: “Darf es so einfach sein?” Ich kenne diese Ungläubigkeit. Auch ich habe meine Abstinenz sehr schnell in erster Linie als Befreiung empfunden und konnte nicht fassen, warum ich überhaupt so lange getrunken hatte. Wo wir wieder beim Punkt wären. Denn aufzuhören war ja nur ein Schritt zum “nüchtern werden”. Der jahrelange Kampf, der mich dahin geführt hat, lässt sich da nicht rausrechnen. Und der war alles andere als einfach. Der war die Hölle.

Nüchtern werden ist also schon allein für diejenigen nicht einfach, für die es einfach ist – geschweige denn für diejenigen, die noch länger kämpfen müssen. Die auch Wochen und Monate nach ihrem Entschluss noch Schwierigkeiten damit haben, nicht zu trinken. Für jene findet die US-amerikanische Autorin Laura McKowen oft tröstende Worte. In ihrem Debutbuch “We Are the Luckiest” zitiert sie in diesem Zusammenhang eine schöne Zeile des irischen Poeten John O’Donohue:


 “It is difficult and slow to become new.”
Ein neuer Mensch zu werden ist schwierig und es dauert.


Sie führt dieses Zitat anschließend folgendermaßen aus: “It’s supposed to be difficult. It’s supposed to take everything you have. It’s supposed to take longer than you want and to change you, completely. This often won’t feel good when it’s happening […].” Für diejenigen, die so sehr mit ihrem Entschluss hadern wie Laura das am Anfang tat, übersetze ich das mal mit einer kleinen Interpretation: Keine Sorge, es muss schwierig sein. Es muss Dir alles abverlangen. Es muss länger dauern als Dir lieb ist und es soll Dich komplett verändern. Natürlich fühlt sich das oft alles andere als gut (sprich: leicht) an.

Also wie man’s auch dreht und wendet: Nüchtern werden ist nicht einfach. Dass sich dieser Nonsens dennoch hält, kann ich mir nur damit erklären, dass Menschen dazu neigen, zu vergessen, wie schwer es mal war.

Nüchtern bleiben

Hinter dem Begriff ‘Kunst’ verbergen sich sowohl handwerkliche Fertigkeiten als auch der Prozess, aus der Auseinandersetzung mit Natur und Umwelt etwas zu erschaffen. Beides trifft aufs “nüchtern bleiben” zu. Hier trifft das Sprichwort ins Schwarze. Denn Abstinenz erfordert sowohl Hingabe als auch Handwerk. 

Wenn wir nüchtern bleiben wollen, kommen wir nicht drum herum, uns mit unserer Natur und unserem Umfeld auseinanderzusetzen. Wir müssen herausfinden, wer wir sind und dann Platz dafür schaffen, so zu leben, dafür einzustehen. Und um das zu tun, brauchen wir Know-How, Techniken und Werkzeuge. Aneignen, ausprobieren, üben, meistern und verinnerlichen kosten Zeit und Ausdauer, machen aber oft auch viel Freude.

Doch selbst damit ist es nicht getan. Denn sobald wir unser Handwerk beherrschen, kommen wir an einen Punkt, an den auch jeder Künstler und jede Künstlerin irgendwann gelangt: An den Punkt, an dem die Kunst zwar noch immer Bedürfnisbefriedigung, Selbstverwirklichung und Sinnstiftung bedeutet, an dem sie aber vor allem stumpfes Hinsetzen und Machen ist – ohne Ausreden, ohne Wenn und Aber. Dann liegt die Kunst tatsächlich darin, die Disziplin aufzubringen, die Kunst am Leben zu halten. Dann geht es darum, mit den Dingen weiterzumachen, die einen gesund halten.

Für mich bedeutet das zum Beispiel, mich täglich zu bewegen, zu lesen und zu schreiben. Es bedeutet, Zeit für die Menschen zu schaffen, die ich liebe. Es bedeutet, meine Grenzen zu kennen, sie zu akzeptieren und zu verteidigen. Mir zu erlauben, meine Stärken zu kultivieren und auszuleben. Mich von meinem Bauchgefühl leiten zu lassen und nicht von den Reaktionen anderer. Mir zu vertrauen und gut für mich zu sorgen. Es bedeutet, mir Zeit zu nehmen, um meine Prioritäten zu setzen und meinen Alltag entsprechend zu organisieren.

Ich habe das mittlerweile so verinnerlicht, dass es mir nicht mehr schwerfällt. Diese Dinge sind die Grundlage meiner Abstinenz. Dafür schaffe ich immer Platz, dafür finde ich immer Energie. Immer. Wenn es um sie geht, lasse mich gar nicht erst auf eine Debatte ein. Da gibt es nichts zu diskutieren. Nichts in meinem Leben hat so viel Gutes hervorgebracht wie nüchtern zu werden. Nichts ist so bereichernd wie nüchtern zu bleiben. Das setzte ich nicht aufs Spiel. Laura McKowen schreibt über ihren Weg in die Abstinenz rückblickend:


 “But then, eventually, I came to realize that this is what it really means to be alive […].”
Und schließlich realisierte ich, dass das ist, was es heißt zu leben.


Alles anzunehmen, was es erfordert. Den Schritt wagen, nüchtern werden, sich selbst kennenlernen, nüchtern bleiben. Das ist es. Und das ist beides Kunst. Es müsste also eigentlich heißen: Nüchtern werden ist die Kunst, nüchtern bleiben auch. Klingt nicht so sexy, sehe ich ein. Bringt uns aber weiter. Denn beides ist nicht einfach, aber beides lässt sich erlernen. Beides ist herausfordernd, aber schlussendlich bereichernd. Und beides führt Dich ans Ziel: wirklich und wahrhaftig leben.