Newsletter5. Oktober 2026

Isabel: "Habe unmenschlich performt"

Die neue Staffel meiner Reihe “Gesichter hinter der Sucht” ist gerade auf YouTube gestartet. Diese Videos zählen zu den erfolgreichsten auf meinem Kanal. Nicht nur, weil sie besonders häufig angesehen werden, sondern auch, weil sie aktiv zur Entstigmatisierung von Suchtkrankheiten beitragen und Mut machen, den Schritt in ein nüchternes Leben zu gehen.

Unsere neue Staffel startet mit meiner Programmteilnehmerin Isabel, die hochfunktional getrunken hat. Das bleibt in unserer Gesellschaft lange unerkannt, weil diese Menschen im Alltag oft immer noch super “funktionieren”. Isabel zum Beispiel war beruflich dann am erfolgreichsten, als sie gerade in der schlimmsten Trinkphase ihres Lebens steckte.


Isabel

Ich habe mich morgens zur Arbeit geschleppt. Hab gehofft, dass mich keiner anspricht, dass keiner sieht und auch nicht riecht, wie viel ich gestern wieder getrunken habe. Und anscheinend habe ich richtig abgerockt. Ich kann mich an Arbeitstage erinnern, die waren zehn, elf Stunden lang. Ich habe unmenschlich performt. Bin dann auf dem Heimweg unterwegs zum Supermarkt. Ich habe nie gehortet, weil ich mir morgens immer vorgenommen habe: Heute trinke ich nicht. Habe mir dann doch eine Flasche Wein besorgt, bin nach Hause und habe die im Gang schon aufgemacht und getrunken. 

Und die hat dann nicht gereicht. Dann bin ich nochmal zur Tankstelle oder habe den Pizzalieferdienst angerufen und mir nochmal was nachliefern lassen. Und dann habe ich mir alleine zu Hause – ohne jemanden einzuladen oder irgendwas Spezielles zu machen – zwei Flaschen Wein reingezwitschert und bin irgendwann einfach eingeschlafen. Manchmal gab es vorher noch irgendwelche Unfälle, die man so hat, wenn man viel trinkt. Ich hatte ständig Schrammen, blaue Flecken und sonstige Verletzungen.

In den meisten Fällen bin ich aber einfach weggedämmert und irgendwann mitten in der Nacht aufgewacht. Entweder auf dem Sofa oder auf dem Boden oder auch mal im Bett. War dann ab 3 Uhr wach, habe über mein Leben nachgegrübelt und habe versucht, mich irgendwie fit zu kriegen mit Wasser und Kaffee. Bin dann wieder zur Arbeit gegangen und habe so getan, als wäre nichts. Vorher noch ganz viel Schminke drauf, schönes Lächeln aufgesetzt und so getan, als wäre alles in bester Ordnung.

Isabel


Zum Video mit Isabel geht’s hier entlang. Ich empfehle es Dir sehr.