Fühlst Du Dich nüchtern unsicherer und ängstlicher als zu Alkoholzeiten?
Wenn Du früher getrunken hast, um Deine Ängste zu dämpfen, klingt es erstmal logisch, dass die jetzt wieder ans Licht kommen und Du neue Strategien brauchst, um damit umzugehen. Gemeinerweise kann es aber auch passieren, dass nüchtern plötzlich ganz neue Ängste über Dich hereinbrechen, Dich Kleinigkeiten in Alarmbereitschaft versetzen und Du innere Unruhe und Anspannung verspürst, die Du so gar nicht von Dir kennst.
Ich erkläre Dir in diesem Newsletter, woran das liegt und was Du dagegen tun kannst. Eine Möglichkeit möchte ich hier schonmal erwähnen: Suchttherapeutin Alina aus dem OAMN Liveklassenteam bietet im Rahmen unseres 3. OAMN Sommerkongresses in Köln einen Workshop an, in dem Du in geschützter Atmosphäre und sicher begleitet an dem Thema arbeiten kannst. Wir veranstalten ihn am 17. Juni von 16-18 Uhr und hier kannst Du Dir ein Ticket buchen.
Alkohol verschleißt Dich auch emotional
Mittel- und langfristig bringt Alkoholkonsum nicht nur körperliche Prozesse wie Deine Verdauung durcheinander, sondern lässt auch Deine Gefühlswelt aus den Fugen geraten. Warum das so ist, erkläre ich ausführlich in meinem Buch "Frauen und Alkohol". Hier eine Kurzfassung:
Wenn Du Alkohol trinkst, schüttet Dein Körper den Botenstoff GABA aus. Der ist dafür zuständig, die Aktivität von Nervenzellen zu dämpfen und dadurch zum Beispiel Erregung und Stressreaktionen zu reduzieren, wirkt also wie ein Bremspedal. Prinzipiell ist das eine gute Sache und bewahrt Dich vor Überreizung. Bloß wird durch Alkohol Dein Hirn mit dermaßen viel GABA geflutet, dass die Rezeptoren melden: Hey, das wird jetzt echt zu viel Dämpfung, das ist nicht gut.
Dein Hirn strebt naturgemäß nach Balance und schickt deswegen den Gegenspieler ins Rennen, um Deine Nervenzellen wieder empfänglicher für Reize zu machen: Glutamat. Kannst Du Dir von der Wirkung her also so vorstellen, dass Alkohol durch GABA permanent auf die Bremse tritt, während Dein Hirn durch Glutamat gleichzeitig Gas gibt. Sieht von außen so aus, als würdest Du einfach fahren, innerlich verschleißt du. Hinzu kommt, dass Du mit der Zeit mehr und mehr Alkohol brauchst, um die angstlösende Wirkung zu spüren und um überhaupt noch zurechtzukommen, weil Dein Gehirn immer unempfindlicher wird für diesen kurzfristigen, angstlösenden Effekt.
Aber ich hab doch aufgehört zu trinken
Dein Körper hat gelernt, gegen Alkohol anzusteuern. Dieses "Gegengewicht" spürst du, wenn der Alkohol wegfällt. Kann also sein, dass es Dir so vorkommt, als wärst Du jetzt viel zu überdreht, hypernervös, ängstlich und aufgeregt, ohne erkennbaren Grund. Wenn sich das bei Dir gerade so anfühlt: Gib Deinem Hirn ein bisschen Zeit. Wenn Du jahrzehntelang getrunken hast, wird nicht von heute auf morgen Deine komplette Biochemie wieder im Lot sein. Aber die gute Nachricht ist: Dein Hirn ist ein hochadaptives System, es baut sich permanent um und lernt dazu, auch noch im hohen Alter. Es ist also gut möglich, dass all diese diffusen Ängste mit der Zeit verblassen und verschwinden.
Nun kann es aber auch sein, dass Dein eigentliches Naturell eben ein eher ängstliches ist und sich das in der Nüchternheit wieder deutlicher zeigt. Das ist per se auch überhaupt nicht schlimm, denn aus evolutionärer Sicht ist Angst kein Defekt, sondern ein Schutzmechanismus. Menschen unterscheiden sich darin, wie stark ihr System auf potenzielle Risiken reagiert. Diese Unterschiede sind völlig normal und sogar sinnvoll, weil manchmal eben Vorsicht klüger ist, in manchen Situationen aber auch Risikobereitschaft hilft. Wenn Du Dir früher gezielt „Mut angetrunken“ hast, hat Dein Nervensystem gelernt: Diese Situation ist nur mit Alkohol auszuhalten. Alkohol war also gewissermaßen Deine Vermeidungsstrategie. Und Vermeidungsstrategien sorgen leider dafür, dass Ängste präsent bleiben und zunehmend Raum einnehmen, solange Du Dich mit den schwierigen Gefühlen oder Situationen nicht konkret auseinandersetzt.
Schlussendlich ist es natürlich auch möglich, dass Du tatsächlich eine unbehandelte Angststörung hast, die sich nun zeigt und bei der therapeutische Unterstützung sinnvoll ist. Wenn Dich das Thema interessiert, schau Dir doch mal mein YouTube-Video "Wie Alkohol Deine Angst lindert – und wie sich das rächt" mit Psychotherapeutin und Autorin Franca Cerutti an.
Wie Du Deinem Hirn beibringen kannst, dass Du sicher bist
Sich mit Angst auseinanderzusetzen bedeutet nicht, sie "wegzumachen". Dein Nervensystem lernt Sicherheit nicht durch Vermeidung, sondern durch die wiederholte Erfahrung: In dieser Situation passiert mir nichts Bedrohliches. Dieser Prozess braucht Zeit und oft auch Unterstützung.
Wenn Du Dich in diesen Zusammenhängen wiedererkennst – zum Beispiel in der innerlichen Unruhe oder in dem Gefühl, dass Deine Angst irgendwie größer geworden ist, seit Du nüchtern bist – dann bist Du damit nicht allein. Wenn Du darüber sprechen möchtest, findest Du einen geschützen Raum dafür im Rahmen des 3. OAMN Sommerkongresses, den mein Team und ich am 18. Juli 2026 in Köln veranstalten. Am Vortag, also am 17. Juli, bieten wir mit Therapeutinnen und Experten unterschiedliche Workshops an, die Du entweder zusammen mit Deinem Sommerkongressticket oder auch einzeln buchen kannst.
Im oben schonmal angeführten Workshop "Abstinenz & innere Unsicherheit – wenn Ängste trotz Abstinenz auftauchen" kannst Du gemeinsam mit Suchttherapeutin Alina herausfinden, warum das bei Dir so sein könnte und was Dir helfen kann, mit diesen Herausforderungen umzugehen, ohne wieder auf alte Strategien zurückzugreifen. Dich erwarten verständliche Erklärungen dazu, was in Deinem Nervensystem passiert und konkrete Impulse, wie Du wieder Stabilität aufbauen kannst.
Dein Ticket für diesen Workshop kannst Du Dir hier bestellen.
Und wenn Du Lust hast auf noch mehr Hintergrundwissen, tolle Gäste und neue nüchterne Bekanntschaften: Hier findest Du alle Infos zum diesjährigen OAMN Sommerkongress. Franca Cerutti kommt übrigens auch. 😊 Ich freu mich, Dich dort zu sehen.