Newsletter 22. Dezember 2025

FASD – "die unsichtbare Behinderung"

25,8% der Mütter in Deutschland konsumieren in der Schwangerschaft Alkohol, obwohl sie schon wissen, dass sie schwanger sind. Das ist mehr als jede vierte. Dabei birgt jeder Tropfen Alkohol ein Risiko fürs ungeborene Kind.

Die Schäden, die Alkoholkonsum bei betroffenen Kinder hinterlassen kann, verbergen sich hinter der Abkürzung FASD. Was es damit auf sich hat, fasst meine Mitarbeiterin Alex für Dich zusammen. Alex ist durch meine Programme nüchtern geworden, mittlerweile ausgebildete Suchtberaterin und bei OAMN zuständig für die Bereiche Personal und Veranstaltungen.


Alex

"Alkoholkonsum während der Schwangerschaft ist die häufigste Ursache für nicht genetisch bedingte körperliche, geistige und/oder seelische Beeinträchtigungen."

Kürzlich hatte ich das Glück, dass mich eine unserer ehemaligen Programmteilnehmerinnen fragte, ob ich sie zur FASD-Tagung in Oldenburg begleiten wolle. Natürlich wollte ich – denn wenn ich ehrlich bin, weiß ich zwar inzwischen viel über Alkohol und seine Folgen, über die Krankheit FASD aber nur sehr wenig. Zeit, das zu ändern.

FASD steht für Fetal Alcohol Spectrum Disorder bzw. Fetale Alkoholspektrumsstörung. In Folge von Alkoholeinfluss während der Schwangerschaft können sich die Kinder im Mutterleib nicht störungsfrei entwickeln. Alkohol wirkt sich als Zellgift schädigend auf die Zell- und Organentwicklung aus, besonders auf das Gehirn und das restliche zentrale Nervensystem. Auswirkungen können Minderwuchs, Herz- und Nierenfehlbildungen, Skelettfehlbildungen, Intelligenzminderung, Verhaltensauffälligkeiten sowie geistige Behinderungen sein, um nur eine Auswahl zu nennen.

Was mir und vielen Menschen so nicht klar war bzw. ist, möchte ich hier in aller Kürze aufschreiben:

  • Insgesamt leben in Deutschland ca. 2% (ca. 1,6 Millionen) der Bevölkerung mit FASD, wobei die Dunkelziffer deutlich höher geschätzt wird. Zum Vergleich: Autismus-Spektrum-Störungen, die viel bekannter sind, liegen bei ca. 1%.
  • Der Alkoholkonsum in Deutschland ist rückläufig, aber der "riskante Alkoholkonsum" bei Frauen hat sich erhöht. Tatsächlich steigt dieser mit Alter und Bildungsgrad der schwangeren Frau. 
  • FASD ist nicht nur ein Thema bei Müttern mit Suchtproblematik. Jede Frau, die schwanger ist und Alkohol konsumiert, kann ihr Kind dadurch dauerhaft schädigen. Auch geringe Mengen können Schädigungen verursachen.
  • Alkohol ist wasserlöslich, passiert ungefiltert die Plazentaschranke und verbleibt viel länger im Embryo als im Körper der Mutter. Die Schädigung kann bereits ab Einnistung der befruchteten Eizelle beginnen.
  • Man kann FASD nicht immer sehen: Nur etwa 30% der Betroffenen weisen körperliche Merkmale auf, wie z.B. die typischen Gesichtszüge mit kurzen Lidachsen und fehlendem Philtrum (Einbuchtung in der Mitte der Oberlippe). 
  • Die mittlere Lebenserwartung von FASD-Betroffenen liegt laut einer kanadischen Studie bei nur etwa 34 Jahren. Das hat verschiedene Gründe; darunter Unfälle, Vergiftung durch illegale Drogen oder Selbstmord.

FASD-Tagung

Unsere Programmteilnehmerin Anja, mit der ich dort war, hat ihre Eindrücke schriftlich für mich festgehalten und spricht mir damit aus der Seele:

Liebe Alex,

es hat mich sehr gefreut, gemeinsam mit Dir am FASD-Fachtag „Die unsichtbare Behinderung“ der Stadt Oldenburg teilzunehmen.

Dank der Programme von Nathalie habe ich meinen Weg in ein abstinentes Leben gefunden und bin sehr glücklich darüber. Dennoch merke ich, dass auch ich betone, während der Schwangerschaften keinen Alkohol getrunken zu haben. Ehrlich gesagt ist das nur die halbe Wahrheit: Ich habe keinen Alkohol konsumiert, als ich wusste, dass ich schwanger war. Aber in den ersten Wochen bis zur Feststellung der Schwangerschaft habe ich sicher etwas getrunken – Alkohol gehörte für mich beim Abendessen, Ausgehen oder auf Partys einfach dazu. Dass Alkohol ab der Befruchtung schädlich ist und nicht erst ab einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft, war mir damals nicht bewusst.

Vor dem Fachtag hatte ich große Sorge, dass leibliche Mütter von Kindern mit FASD stigmatisiert werden könnten. Zu wissen, dass du ebenfalls anwesend bist und dass sich OAMN klar gegen jede Form von Stigmatisierung positioniert, hat mir Sicherheit und Verbundenheit gegeben. Ich war überzeugt, dass wir gemeinsam einschreiten würden, falls es nötig wäre. Umso erfreulicher war es, dass dies gar nicht notwendig war. Die gesamte Veranstaltung – von den Speaker:innen, den Deep-Talk-Referent:innen bis zu den Teilnehmenden – war geprägt von großem Mitgefühl für die Kinder und ihre Mütter.

Besonders gefreut hat mich der Bericht von Dr. med. Jörg Liesegang aus Berlin: In den letzten Jahren trauen sich immer mehr leibliche Eltern mit ihren Kindern in die Neurologische Ambulanz und geben offen an, dass während der Schwangerschaft Alkohol konsumiert wurde. Das zeigt, dass sich langsam etwas verändert.

Die Veranstaltung und die hohe Nachfrage – ursprünglich für 150 Teilnehmende geplant, letztlich mit 300 ausgebucht – haben mir erneut gezeigt, wie wichtig Aufklärung, Entstigmatisierung und wirksame Maßnahmen sind. Dazu gehören Werbeverbote, ein späteres Einstiegsalter und vor allem, selbst ein Vorbild zu sein. Das Leid der Menschen mit einer Alkoholschädigung in der Schwangerschaft ist groß und wenig bekannt. Es handelt sich um die häufigste angeborene geistige Behinderung in Deutschland, und sie wäre zu 100% verhinderbar. Und keiner kennt sie und niemand redet drüber. Eigentlich ist das ein Skandal.

Beruflich kenne ich zudem die Perspektive der Erzieher:innen, Lehrkräfte und Schulbegleitungen: Sie werden durch die Verhaltensweisen der Kinder mit diesen Verhaltensweisen und Einschränkungen täglich an ihre Grenzen gebracht.

Anja von Bülow – pädagogische Fachberaterin beim KiB e.V. in Oldenburg


Das Resümee der Stadt Oldenburg zur FASD-Tagung kannst Du hier nachlesen. Weiterführende Beratungsangebote und Hilfe findest Du auf dem Informationsportal des FASD Deutschland e.V.

Und wenn Du gern Videos schaust: Mein YouTube-Video zum Thema FASD kannst Du Dir hier ansehen.