30.09.2024

Die Sache bekommt Drive

Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal zum Deutschen Suchtkongress gefahren bin, war ich allein und extrem aufgeregt. Eine Sache, die OAMN auszeichnet, ist ja, dass wir auf dem Boden der Wissenschaft stehen. Dazu gehört zum einen, Inhalte sorgfältig zu recherchieren und zu konzipieren. Dazu gehört, immer wieder zu prüfen, zu lernen. Und für mich gehört dazu auch der persönliche Austausch. Ich wollte mich in der wissenschaftlichen Community vernetzen, um zur Suchtforschung beizutragen und um up to date zu bleiben. Als ich 2022 in den Zug stieg, wusste ich allerdings nicht, ob dieses Interesse auf Gegenseitigkeit stößt. Was ich wusste, war, dass mein Doktorvater Prof. Michael Soyka von OAMN überzeugt und angetan war. Aber die anderen?

Kurz gesagt: Die sind auch interessiert, offen für innovative Ansätze, wirklich cool, überzeugt von ihrer Arbeit und angenehm im Umgang. Als erstes lernte ich vor zwei Jahren Prof. Eva Hoch kennen, die mich begrüßte mit: „Sie haben eine Sober-Bewegung gestartet, Frau Stüben, das finde ich ganz großartig.“ Einen Tag später tauschte ich mich zum ersten Mal mit Prof. Falk Kiefer aus, mit dem ich jetzt sogar mein zweites Buch geschrieben habe. Es heißt „Frauen und Alkohol“, ich mag es sehr und wenn Du möchtest, kann Du es hier vorbestellen. Damals fuhr ich nach Hause und dachte: was für nette Menschen.

Letztes Jahr auf dem Suchtkongress leitete ich dann mein erstes Forschungssymposium und hielt meinen ersten Fachvortrag. Das hab ich dieses Jahr auch gemacht, es waren sogar zwei Vorträge, und noch etwas war anders: Denn dieses Mal hatte ich eine ganze Gang aus tollen, nüchternen Frauen an meiner Seite: Alex und Rosa aus meinem Team, Alina von den OAMN Liveklassen, Mika vom Sodaklub – die ebenfalls Liveklassen bei uns gibt. Wir saßen nebeneinander, tauschten uns aus, diskutierten die Inhalte und hörten den Vorträgen zu. Bei einer Keynote, also einem der Hauptvorträge, blendete der Stigmaforscher Prof. Georg Schomerus eine Folie ein, die Vertreterinnen unserer Nüchternheitsbewegung zeigte: Carolin Schürmann, Mia und Mika, mich. Solche Vorbilder und Held:innengeschichten trügen dazu bei, Stigma abzubauen, sagte er. Und ich musste mich sehr freuen. Uns da oben zu sehen, zu sehen, dass unsere Arbeit ankommt, auch dort, das war ein toller Moment. Aber lange nicht der einzige.

Am letzten Tag trat ich nach einem Mittagessen mit Falk in den Hof, sah dort alle ‚meine‘ Ladys und dachte: JA, JA, JA. Es ist so schön, dass ihr hier seid. Und es ist so gut, dass wir hier sind. Alex und Rosa habe ich darum gebeten, aufzuschreiben, was sie am diesjährigen Deutschen Suchtkongress am eindrücklichsten fanden. Hier kommen ihre Antworten:


Rosa

In dem Vortrag von Georg Schomerus fiel ein Zitat, das bei mir besonders hängen geblieben ist: „Vier Industriezweige sind für mindestens ein Drittel aller Todesfälle weltweit verantwortlich: Tabak, fossile Brennstoffe, ungesunde Nahrungsmittel und Alkohol.“ Krass, oder? Während ich darüber nachdachte, ist mir aufgefallen, dass diese Industrien einiges gemeinsam haben. Erstens: Sie übernehmen kaum Verantwortung für die Schäden, die sie anrichten. Im Gegenteil – sie schieben die Schuld den Einzelnen zu, also genau den Menschen, die unter den Folgen leiden. Zweitens: Obwohl die Forschung glasklar zeigt, wie wirksam strengere Regulierungen wären, sträubt sich die Politik, diese endlich umzusetzen. Ob es nun um ein Verbot von Alkoholwerbung, höhere Steuern oder geringere Verfügbarkeit geht – die nötigen Schritte bleiben oft aus oder sind unzureichend. Und drittens: Veränderung braucht Aktivismus. Es braucht laute Stimmen und Sichtbarkeit, um diese Industrien und die Politik in die Pflicht zu nehmen. Und genau diese lauten Stimmen und Gesichter sind wir.


Alex

Ich war schockiert, enttäuscht, positiv überrascht und glücklich. 

Schockiert hat auch mich, dass allein vier Industriezweige, davon zwei die Alkohol- und Tabakindustrie, für ein Drittel aller Todesfälle weltweit verantwortlich sind. Enttäuscht hat mich, dass ich bei einem der Verkaufsstände bei Ausstellenden, durch die sich solche Kongresse zum Teil finanzieren, ein Buch gesehen habe mit dem Titel „Auch Trinken will gelernt sein“ – mit Kind und Eltern auf dem Cover und einem Satz, der sinngemäß lautete: Für Kinder ist Alkohol ungesund, da das Gehirn noch wächst, aber bei Erwachsenen ist das Wachstum dann abgeschlossen, daher können die ruhig trinken. Das wollen wir Kindern beibringen? Euer Ernst? 

Positiv überrascht war ich davon, wie viel Raum das Thema Stigmatisierung einnehmen durfte. Berührt hat mich die Empathie für die Notlage von Randgruppen, wie z.B. schwangeren Frauen mit Alkoholproblem. Und warum glücklich? Weil ich drei Tage lang erleben konnte, wie sich so viele kluge, wunderbare und sympathische Menschen dem Thema Sucht und Recovery verschrieben haben und mit Herz und Verstand täglich daran arbeiten, zu entstigmatisieren, Menschen zu unterstützen, zu verstehen und ihnen beizustehen. Dieses Gefühl nehme ich mit nach Hause.


Ich habe den Eindruck, unsere ganze Nüchternheitssache bekommt gerade sehr viel Drive und was mich am meisten daran freut ist, dass wir das gemeinsam machen. Dass wir nicht mehr allein sind, sondern zusammen etwas erreichen.


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