Seit Jahren war ich hinter einer Zahl her, nun habe ich sie und stelle sie am Dienstag auf dem diesjährigen Deutschen Suchtkongress vor. Aber von vorn.
Meine komplette Alkoholzeit über versuchte ich, ‚verantwortungsvoll‘ zu trinken. Ich hielt dieses eine ‚gepflegte‘ Glas fürs Ideal. Ich dachte, das machen alle, das kriegen alle hin – außer mir.
Was ich nicht verstand: Dieser sogenannte verantwortungsvolle Konsum ist ein Konstrukt, das ignoriert, dass es sich bei Alkohol um eine Droge handelt. Es klammert aus, dass er im Hirn zuallererst jene Strukturen lahmlegt, die für Verantwortung und Kontrolle zuständig sind. Es handelt sich bei diesem Konstrukt nicht um eine gottgegebene, unumstößliche Wahrheit. Es handelt sich noch nicht einmal um etwas Erstrebenswertes, sondern um eine Erzählung, eine kranke Norm, die Millionen von Menschen in die Verzweiflung treibt, während es anderen Milliarden in die Taschen spült.
Das zu erkennen, hatte auf mich einen sehr heilenden, entstigmatisierenden Effekt. Deshalb war mir diese Zahl so wichtig.
Als erstes hörte ich sie vom ehemaligen Leiter der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen Rolf Hüllinghorst in der BR-Doku „Volksdroge Alkohol – warum dürfen wir uns zu Tode trinken“, in der er folgende Sätze sprach: „Die Industrie sagt immer: Wir wollen ja nur unsere Getränke an die verkaufen, die vernünftig damit umgehen können. Wenn sie das tun würden, wäre das eine Umsatzeinbuße von 50 Prozent.“
Ich weiß noch, wie ich das zum ersten Mal hörte und dachte, pardon my french: What the fuck! Diese Zahl veränderte so viel, weil mir dadurch bewusst wurde, dass mit meiner Sucht Umsatz gemacht wurde – und mir schwante, dass diese ganzen „Drink responsibly“-Kampagnen der Alkoholindustrie nicht dazu dienen, Menschen zu schützen, sondern dazu, wirksame politische Regulierungen zur Eindämmung des Alkoholkonsums zu vermeiden.
So kam ich an meine Zahl
Rolf und ich sind mittlerweile freundschaftlich verbunden, er schickte mir damals die Folie, die er vom Institut für Therapieforschung erhalten hatte und auf die er sich mit seiner Aussage bezog. Aber diese Berechnung war fast 20 Jahre alt, sie arbeitete noch mit alten, deutlich höheren Grenzwerten für riskanten und Hochrisikokonsum. Außerdem hatte sich das Trinkverhalten in der Gesellschaft in der Zwischenzeit ja auch verändert. Ich wollte eine aktuelle Zahl. In dem Glauben, dass so etwas schnell geht, schrieb ich die Stellen an, die so etwas berechnen können, aber ich hatte nicht viel Glück.
Das hatte ich dann vergangenes Jahr auf dem Deutschen Suchtkongress. Beim Gesellschaftsabend saß ich neben einem Wissenschaftler, der mit großen Datensätzen umgehen und ein entsprechendes Team zusammenstellen kann. Er sagte an dem Abend, ich zitiere aus dem Kopf: „Das machen wir, aber ich glaube, es werden nicht 50% Umsatz sein, weil die Menschen, die problematisch trinken, im Schnitt eher die billigen Getränke konsumieren.“ Ein Jahr, viele Calls und etliche Berechnungen später zeigte sich jedoch, es stimmt:
50,4% des Alkoholumsatzes in Deutschland, nämlich 5,82 Milliarden Euro, gehen auf hochriskantes oder riskantes Trinken zurück – also auf eindeutig unverantwortliches Trinken.
Wahrscheinlich sind es sogar noch mehr. Das liegt daran, dass unsere Berechnungen konservativ sind. Sie beziehen sich unter anderem auf Umfragen zum Alkoholkonsum, die das IFT in den Jahren 2018 und 2021 durchführte. Und Du kannst Dir bestimmt vorstellen, dass Menschen, die viel trinken, für solche Umfragen extrem schwer zu erreichen sind – weil sie für alles schwer zu erreichen sind. Zudem untertreibt man als Mensch mit Alkoholproblem in solchen Umfragen auch gern mal, um sich nicht so schämen zu müssen.
Ich finde dieses Ergebnis so krass. Und falls Du noch drinsteckst in diesem Gedankengefängnis, das dir einredet, DU seist das Problem. Nein, Du bist nicht das Problem. Eine Politik, die Gewinn über Gesundheit stellt, ist das Problem. Massenhafte Verfügbarkeit von billigem Alkohol und aggressives Marketing dafür sind das Problem. Du bist es nicht.
Sobald wir unsere Ergebnisse in der Fachpresse veröffentlicht haben, sage ich Dir in meinem Newsletter Bescheid, dann kannst Du bei Interesse die genaue Methodik, unsere Definitionen und die wissenschaftliche Diskussion vor dem Hintergrund der aktuellen Forschung nachlesen.
Du bist nicht allein. Fühl Dich umarmt.