05.06.2021

Hilfe, die Freiheit nach dem Lockdown

Mein Instagram-Follower Dirk hat geschrieben, dass er jetzt seit elf Monaten alkoholfrei lebt. Er hat also mitten in der Pandemie angefangen mit dem Nüchternsein. Lief gut. Aber jetzt, wo das kulturelle Leben zurückkehrt, die Gastro, die Feste, die Verabredungen im Biergarten, da merkt er, wie ihn diese Wucht an Angebot verunsichert. Diese neue Freiheit, die muss doch gefeiert werden, sagt sein Kopf. Die alten Denkmuster kommen wieder angekrochen. Ob ich zu diesem Thema nicht mal was machen könnte?

Sehr gern, lieber Dirk. Ich habe mich umgehört, bei meinen Programmteilnehmer:innen, bei meinen nüchternen Freund:innen und meinen Mitarbeiter:innen. Wie blickt ihr auf die neue, alte Freiheit? Wo seht ihr eure größte Herausforderung und wie wappnet ihr euch?

Dimitri

In erster Linie freue ich mich einfach, mal die Leute zu sehen, die ich eben schon sehr lange nicht mehr gesehen habe. Die Treffen mit Freunden lege ich auf Tageszeiten, in denen Alk noch keine so große Rolle spielt. Also nicht abends, sondern schon mittags – zum Beispiel mit Kaffee und Kuchen. Öffentliche Feste habe ich auch vor, zu früheren Uhrzeiten zu besuchen. Und ich werde dann gehen, wenn das Gefühl da ist, gehen zu wollen. Aber ansonsten freue ich mich auf den Urlaub mit der Familie, auf Schwimmbad, Kino, Cafés, Eisdielen und auf den Stadtbummel! Shopping-Tour ist dringend angesagt bei mir. In den letzten zehn Monaten ohne Alkohol habe ich 14 Kilo abgenommen. Mir passen keine Klamotten mehr! 😂

Jenny

Ich kenne Abstinenz fast nur im Lockdown und bin zwiegespalten. Einerseits freue ich mich zum Beispiel total darauf, wieder auf Konzerte zu gehen. Aber in meinem Freundeskreis trinken alle, und ich weiß noch nicht, wie ich mich dann fühlen werde und was das mit dem Verhältnis zu den einzelnen Personen macht. Viele meiner Kontakte habe ich noch nie nüchtern getroffen. Ich habe den Lockdown echt genutzt, um mich zu stabilisieren, aber davor habe ich schon ein bisschen Bammel. Mein Plan: In Kneipen werde ich nicht mitgehen, da habe ich keine Lust mehr zu, und das ist für mich komplett mit Alkohol trinken verknüpft. Aber wenn sich Leute zuhause treffen oder mal im Park, am Rhein etc. – da werde ich mitkommen und dann früher nach Hause gehen. Wenn ich so darüber nachdenke, dann fühle ich mich stabil und sicher. Ich vertraue mir da (wow, voll die Erkenntnis gerade) und habe Lust, mich jetzt in freier Wildbahn auszutesten.

Jean-Luc

Ich bin froh, dass ich mein Problem vor über einem halben Jahr angepackt habe, denn ich merke, dass mich der Anblick von trinkenden Leuten momentan überhaupt nicht verunsichert. Am Anfang meiner Abstinenz dachte ich manchmal: Es wäre schon noch toll, jetzt mit den Leuten ein Bier zu trinken und Spaß zu haben. Inzwischen schreckt es mich total ab, und ich denke jedesmal: Der eine oder andere wird am nächsten Tag völlig benebelt und mit einem riesigen Kater aufwachen. Teilweise tun mir dann die Leute sogar leid.

Janine

Ich war letzten Sonntag bei einer Freundin zehn Stunden im Garten und konnte schon mal „testen“ wie es ist, unter Trinkenden zu sein. Der Mann meiner Freundin kochte mit einem Kumpel zusammen ein traumhaftes Menü für uns, und ich durfte mich einfach nur an den gemachten Tisch setzen. Alle drei tranken Wein zum Essen, ich Wasser. Sie schwärmten vom Wein, ich genoss mein Essen. Nach dem Essen saßen wir „Mädels“ in der Sonne. Sie trank dann auch ausschließlich Schorle, und wir redeten und hatten total Spaß. Die Männer saßen auf einer Decke und schütteten Gin Tonic in sich rein, waren aber nicht nervig.

Als ich mich dann auf den Heimweg machte und mich von den Männern verabschiedete, sah ich bei dem Kumpel diesen klassischen „Alkoholblick“, den man dann bekommt. Da wusste ich: Für mich war es die beste Entscheidung, nie wieder zu trinken, weil ich es nur noch abstoßend finde. Und wenn ich drüber nachdenke, dass ich auch oft so oder schlimmer aussah, war ich sowas von frei, bin beschwingt nach Hause gewackelt und sagte mir: Her mit dem schönen Sommer und allen Freiheiten! Ich bin die Freiste. 😉

Nathalie (nicht ich)

Die „neue Freiheit“ fühlt sich komisch an. Mein Freund jubelt seit drei Tagen, dass der Biergarten jetzt wieder offen ist, und ob er mich dahin zum Essen einladen darf. Und ich merke: Ich habe einfach überhaupt keine Lust. Das Wort allein schon. Biergarten. Ich will nicht. Ich will da nicht mal essen gehen, mittlerweile koche ich viel lieber selbst. Und ich fühl’ mich auch in der Atmosphäre enorm unwohl. Die Gerüche, der typisch deftige Geschmack des Essens (der zum Bier ja immer super gepasst hat), die angeheiterten, lauten Menschen um mich rum. Die „neue Freiheit“ fühlt sich am wie ein alter Schuh, der mir nicht mehr gefällt und mich drückt. Ich weiß noch nicht, wo da mein neuer Platz drin ist. Im Biergarten ist er jedenfalls nicht.

Marco

Ich freue mich, wieder im Restaurant essen zu gehen und endlich wieder mehr unter Menschen zu kommen. Vor allem im Stadion und bei Konzerten. Es wird aber auch wieder Termine geben, die herausfordernder sind. Zum Beispiel, wenn mein Teamleiter unser Team ins Wirtshaus einladen wird, oder der Chef unsere Abteilung in die Weinstube. Hinzu kommen dann wieder die Geburtstage, die Feiern usw. Ich möchte nicht trinken. Ich möchte mich aber auch nicht andauernd erklären oder gar rechtfertigen. Also wähle ich die Events genau aus und lege mir vorher schon zurecht, was ich sage.

Letti

Ich komme gerade von einem Biergarten, der heute Neueröffnung hatte. Da es sogar Bekannte sind, die diesen Biergarten übernommen haben, sind wir hin. Ich habe es zu meiner großen Überraschung total genossen, da zu sitzen. Endlich wieder so viele Menschen zu sehen, die auch einfach Kaffee bestellen (ja, die gibt es). Ich bin aber extra sehr satt hingegangen, damit ich nicht durch ein Hungergefühl plötzlich Lust auf Bier bekomme.

Es war so schön – die Kinder konnten dort Minigolf spielen, ich habe viele Bekannte getroffen, konnte mit klaren Augen Gespräche führen und mich einfach gut fühlen, weil ich wusste: Morgen werde ich den Tag auch genießen, ohne schlechtes Gewissen. Mich gut fühlen, weil ich nach Hause komme und nicht sofort denke: Was trinke ich jetzt noch? Ich gehe duschen, pflege mich und kuschel mich entspannt aufs Sofa. 🙂 Ja, auf solche Tage freue ich mich wieder!


Stürz Dich rein ins Leben, genieße es. Entscheide Dich bewusst dafür, Dich daran zu erfreuen und zelebriere, dass Du diesen Sommer wirklich fühlst – klar und gesund, ganz bei Dir.

Und apropos gesund: Solltest Du hin und wieder mal erzählt bekommen, dass ein bißchen Alkohol ja aber sogar gut für Dich sei, schau Dir gern mein YouTube-Video zu diesem Thema an.

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