Fühl es

Auf Insta lese ich immer wieder mal Sprüche, die für mich im ersten Moment toll klingen und mich im nächsten verwirren. Weil ich nicht verstehe, was genau damit eigentlich gemeint ist. Letztens wieder so einer:
 

You’ve got to feel it to heal it.
(Du musst es fühlen, um es zu heilen.)


Klar, betäuben ist Mist. Betäubt können wir weder ver- noch aufarbeiten. Aber wie genau heilen wir denn bitte, wenn wir all die schmerzhaften Gefühle zulassen? Wieso ist es manchmal besser, sie zu spüren, anstatt sich abzulenken und zu verdrängen?

Ich persönlich bin, was meine Abhängigkeit angeht, zu folgendem Schluss gekommen:

Schwierige Gefühle zu fühlen hat es mir paradoxerweise ermöglicht, eine Distanz zu ihnen aufzubauen. Wenn ich so unangenehme Dinge wie Ohnmacht, Sorge, Konflikt, Enttäuschung, Weltschmerz, Unsicherheit oder Selbstzweifel nicht auf der Stelle mit Schokolade oder Weißbrot stopfe, mit Nachrichten und Arbeit ersticke, wenn ich einfach mal dasitze und spüre, das Gefühl beobachte und schaue, wo es sitzt, ob es brennt oder zittert, sticht oder drückt, ob es mich eher implodieren oder explodieren lässt, dann hilft mir das dabei zu akzeptieren, dass es da ist. Dass es gerade zu mir gehört. Ich höre auf, dagegen anzukämpfen und nehme es an.

Und genau das ist meine Quintessenz aus “You’ve got to feel it to heal it”. Es geht darum, wieder zu lernen, dass solche Gefühle Teil unserer Menschlichkeit sind. Wir heilen, indem wir lernen, wieder zu leben – mit allem, was dazugehört.