Darum bezeichne ich mich nicht als Alkoholikerin

ich war rund zwei Wochen nüchtern, als ich den Satz sagte, der mir seit Monaten Angst einjagte: “Mein Name ist Nathalie und ich bin Alkoholikerin.” Jetzt saß ich mit zwölf Fremden an einem ovalen Holztisch und starrte auf die AA-Kerze in der Mitte. Das ganze Meeting über hatte ich mir schon zurechtgelegt, was ich nach diesem Satz erzählen würde: Totalabstürze, One-Night-Stands mit zwielichtigen Typen, Hämatome an den Beinen, Selbsthass im Bauch. In meinem Kopf war alles parat, aber ich hatte die Wucht unterschätzt, die dieser Satz hat. Als ich ihn aussprach, brach er über mich herein. Dann brach es aus mir heraus. Ich fing an zu weinen und konnte nicht aufhören. Minutenlang.

Sobald ich erzählen wollte, was ich erzählen wollte, versagte meine Stimme. Ich schluchzte so laut, dass ich mich erschrak, versuchte mich zu beruhigen, aber es ging nicht. Meine Sätze erstickten: “Ich habe mit so vielen Männern…, wenn ich einmal anfange, kann ich nicht…, ich schäme mich so, es macht mich…” Es war als hätte sich eine Tür in mir geöffnet zu einem verschimmelten Raum, der schon viel zu lange nicht gelüftet wurde. Die ganze Verzweiflung der vergangenen Jahre, ich schrie und weinte sie in diese Gruppe wildfremder Menschen, die mir mit Seelenruhe Taschentücher reichten.

So macht man das schließlich

Ich dachte, dass ich zu den Anonymen Alkoholikern muss, um meiner Alkoholsucht zu entkommen. Ich dachte, dass ich diesen Satz von nun an ein Leben lang sagen muss. Ich dachte das, weil man das so dachte in Deutschland im Jahr 2016. Mittlerweile sehe ich das bekanntlich anders. Weder muss ich zu den Anonymen Alkoholikern noch musste ich diesen Satz auch nur ein weiteres Mal wiederholen. Ich bin einen anderen Weg gegangen und sehr glücklich damit. 

Dennoch habe ich es nie bereut, bei diesem Meeting gewesen zu sein. Im Gegenteil. Für meinen Weg spielte es eine erhebliche Rolle. Und das hat mehrere Gründe:

1. Es offenbarte die ganze Tragweite meines Leids 

Diesen Hardcore-Satz mal auszusprechen und die heftige Reaktion zu beobachten, die er in mir hervorrief, war rückblickend betrachtet ein Meilenstein. Es war der Beweis dafür, dass es nichts mehr zu verharmlosen gab. Dieser Moment schloss eine riesengroße Hintertür. Von nun an gab es kein Zurück. Kein Zurück zu Selbsttäuschung und Verharmlosung. Der Alkohol hatte an diesem Abend endgültig seine Unschuld verloren.

2. Ich spürte zum ersten Mal, dass ich mich nicht zu schämen brauche 

Während ich da saß und verheulte One-Night-Stand-Wortfetzen durch den Raum schluchzte, schoss mir kurz ein Gedanke durch den Kopf, über den ich heute ein bisschen lachen muss: Schockt das hier gar keinen? Nein, es schockte niemanden. Jeder in diesem Raum wusste haargenau, wovon ich spreche. Deshalb sagte mir auch jeder Blick, der mich traf: Ich verstehe Dich. Ich bekam das erste Mal einen Eindruck davon, was es heißt, sich nicht für sein Alkoholproblem schämen zu müssen.

3. Ich bekam Hoffnung 

An diesem Abend schenkte mir eine ältere Frau ein paar Sätze, von denen ich noch lange zehrte. Sie kam nach dem Meeting zu mir, legte eine Hand auf meinen Oberarm und sagte: “Ich habe in den ersten Wochen auch nur geweint. Aber Du wirst sehen, die Tränen trocknen. Und irgendwann lernst Du einen Mann kennen und bekommst Kinder.” Ich hielt das in dem Moment zwar noch für völlig unrealistisch, aber ich glaubte zum ersten Mal seit Langem wieder daran, dass das für mich möglich ist – und fing wieder an zu weinen.

4.  Es machte mir klar, dass ich einen neuen Weg finden muss 

Oft finden wir erst heraus, was wir wollen, indem wir Dinge kennenlernen, die wir nicht wollen. Als ich mit gequollenen Augen nach Hause ging, war mir klar: Ich gehöre da nicht hin. Das lag nicht an den Menschen. Es lag an der Sprache der AA. Sie stieß mich ab. Das Blaue Buch ist so umständlich formuliert, dass mein Journalistenherz brach, als der Gruppenleiter daraus vorlas. Bei Wörtern wie “trocken” und “nass” verkrampfte sich mein Magen. Vor allem aber widerstrebte mir, dass sich Menschen, die seit Jahrzehnten nüchtern leben, als “Alkoholiker” bezeichnen. So als wäre der Alkohol noch immer der Faktor, der über ihre Identität entscheidet. Wenn ich in meinem Studium eines gelernt habe, dann das: Sprache formt Realität. Und so real dieser Satz auch war, als ich ihn aussprach – mein Inneres wehrte sich dagegen, mir von ihm auch meine Zukunft definieren zu lassen.

Ich will das so nicht machen

Auf dem Weg nach Hause kämpfte mein Kopf gegen meinen Bauch. “Ist doch klar, dass die sich ein Leben lang so bezeichnen. Damit verhindern sie zu vergessen, wo sie mal waren”, sagte mein Kopf. “Scheißegal”, sagte mein Bauch. “Du machst das nicht.” Natürlich lag mein Bauch richtig, aber er hatte zu dieser Zeit nicht viel zu melden. Ich traute mich noch nicht, auf ihn zu hören. Damals brauchte ich jemanden, der mir die Berechtigung dazu erteilt. Dieser jemand hieß in meinem Fall Holly Whitaker.

Holly ist eine US-amerikanische Sobriety-Aktivistin, die die AA-Perspektive als patriarchalisches System einstuft, das von privilegierten, weißen Männern erschaffen wurde und sich daher als unzureichend erweist, wenn es darum geht, Frauen und Minderheiten aus der Sucht zu helfen. Mir ist diese Sichtweise zu radikal. Vor allem, weil ich im Zuge meiner Arbeit einige Frauen kennengelernt habe, die sich bei den Anonymen Alkoholikern sehr wohl fühlen.

Entscheidend war für mich aber auch gar nicht der Inhalt ihrer Kritik, sondern die Kritik an sich. Holly Whitaker verdeutlichte mir damit etwas, das mir theoretisch klar war, auf das ich im Zusammenhang mit Sucht aber erst gestoßen werden musste: Kein Weg der Welt passt für alle. Natürlich nicht! Dieser Gedanke elektrisierte mich. Mehrmals las ich ihren Blogartikel “Hi, my Name is Holly. And I’m NOT an Alcoholic*. (*Because there is noch such thing.)”. und der Knoten in meinem Bauch löste sich. Ich darf es anders sehen! Ich darf mir vertrauen. Ich muss nicht in dieses Korsett, sondern darf mir meine eigene Meinung bilden. Ich fühlte mich wie befreit und fing genau damit an. Einige Jahre, viele Gedanken und Erfahrungen später hatte ich sie. Als mein Podcast startete, sprach ich sie erstmals öffentlich aus. In Bezug auf den Begriff Alkoholiker*in lautet sie folgendermaßen:

Er funktioniert für mich nicht. Damit es mir gut geht, muss ich eine Sprache wählen, die mich aufbaut. Ich brauche Begriffe, die mich stärken, anstatt mir Angst einzujagen. Ich möchte nicht ein Leben lang mit einem Wort herumlaufen, das mich so klein hält wie meine Sucht es jahrelang getan hat. Ich will mit Sätzen leben, die mir Selbstvertrauen schenken und eine optimistische Grundhaltung widerspiegeln: Ich liebe es, nüchtern zu sein. Ich bin unabhängig. Ich trage Verantwortung für mich, meine Gedanken und meine Taten. Ich kann alles erreichen, was ich mir vornehme. Und, allen voran: Ich bin frei.

Gesundheit statt Krankheit

Denn das bin ich. Alkohol bedeutet mir nichts mehr. Ich habe kein Bedürfnis mehr, ihn zu trinken. Mehr noch, ich bin dankbar, ihn nie wieder trinken zu müssen. Ich bin keine Alkoholikerin mehr, mir geht es besser denn je. Ja, auch ich muss aktiv dafür sorgen, dass das so bleibt, aber ich mache das nicht, indem ich mich ein Leben lang als krank bezeichne. Ich mache das, indem ich darauf achte, gesund zu bleiben.

Auch Du hast die Wahl. Auch Du kannst den Weg einschlagen, der sich für Dich richtig anfühlt. Die Anonymen Alkoholiker haben nicht umsonst Millionen von Menschen dabei geholfen, ihre Sucht zu bezwingen. Und nicht umsonst schwören Millionen von Menschen auf ihre Gruppen. Aber wenn Du spürst, dass Dein Weg ein anderer ist, dann vertraue ruhig darauf. Dich Deiner Sucht zu stellen, ist schwer genug. Da musst Du nicht auch noch gegen Dein Bauchgefühl kämpfen.