Ich hatte letztes Jahr beim 2. OAMN Sommerkongress in München die Ehre, Prof. Georg Schomerus zu interviewen – und damit einen Wissenschaftler, der sich durch die besondere Kombi aus fachlicher Exzellenz, Empathie, Begeisterungsfähigkeit für Menschen und der Fähigkeit auszeichnet, Fakten nahbar und unterhaltsam zu kommunizieren.
Wir haben über sein Spezialthema Stigma gesprochen und ich finde das Interview so gut, dass wir es in meiner aktuellen Podcastfolge nochmal für Dich zum Nachhören aufbereitet haben. Danach kannst Du besser verstehen, wie ein innerer Kreislauf aus Schuld, Scham und Selbstverurteilung entstehen kann und wie krass der nicht nur Dir selbst schadet, sondern auch uns als Gesellschaft.
Ende des Monats erscheint zudem Georgs Buch “Katerland: Wie wir den Alkohol feiern, aber Menschen mit Abhängigkeit ausgrenzen und wirksame Alkoholpolitik verschlafen”. Ich darf vorab einen meiner Lieblingsausschnitte daraus mit Dir teilen. Darin erörtert Georg, warum die Unterscheidung zwischen Genuss und Versagen zur Falle mutieren kann.
Prof. Georg Schomerus in "Katerland"
Studien zeigen tatsächlich: Je negativer Menschen über andere Menschen mit Alkoholabhängigkeit denken, desto unkritischer sehen sie ihren eigenen Alkoholkonsum, und das gilt insbesondere für Menschen, die riskante Mengen Alkohol trinken. Aus dem eigenen hohen Konsum ergibt sich offenbar die Notwendigkeit, eine klare, aber in Wirklichkeit fiktive Grenze zu den “anderen” mit den Alkoholproblemen zu ziehen. Diese Grenze spürt man etwa in der Art, wie über Alkohol gesprochen wird:
Hier der Genuss, dort das Versagen.
Hier alles unter Kontrolle, dort der totale Kontrollverlust.
Hier Verantwortung und Lebenskunst, dort Verantwortungslosigkeit und Unmoral.
Je deutlicher man diesen Kontrast zeichnet, je stärker man Menschen mit Alkoholproblemen stigmatisiert, desto leichter kann man sich selbst auf der guten Seite einordnen. Und nicht bei den gescheiterten Gestalten, denen das Label “Alkoholiker” auf die Stirn geschrieben steht und die vollgepackt mit allen negativen Stereotypen eindeutig zu den “anderen” gehören. Je schlimmer das Bild, desto klarer gehört man nicht dazu – was für eine Erleichterung!
Diese Strategie hat allerdings Nebenwirkungen. Zunächst mal für diejenigen, die zu den “anderen” gehören – sie werden umso krasser gezeichnet, müssen mit noch stärkeren negativen Stereotypen rechnen, sie werden rücksichtslos abgewertet, damit der Konsum der Mehrheit schön unproblematisch erscheint. Aber auch als “normal” Trinkender bringt man sich damit in Gefahr. Denn die eigene Abwertung und Abgrenzung der “anderen” macht es ja viel schwerer, das eigene Trinkverhalten und die mit ihm verbundenen Risiken realistisch einzuschätzen. Man redet sich sein eigenes Trinken schön und das Trinken der anderen schlecht, damit man sicher auf der “guten” Seite ist – und damit wird der Graben zwischen “uns” und “denen” immer tiefer.
Und wenn ein Mensch mit einem riskanten Alkoholkonsum jetzt selbst ein schwereres Alkoholproblem entwickelt? Das ist ja gar nicht so unwahrscheinlich, schließlich macht Alkohol abhängig. Je drastischer er die “anderen” stigmatisiert hat, um einen Sicherheitsabstand zu sich selbst herzustellen, desto schwerer wird es jetzt, sein eigenes Problem zu sehen und zu benennen. Man hat eine Mauer gebaut, einen tiefen Graben ausgehoben, sich selbst weit über die “anderen” gestellt – und jetzt soll man auf die andere Seite? Zu “denen”? Indem man die anderen stigmatisiert hat, hat man sich selbst eine Selbststigma-Falle gestellt.

Vielleicht hast Du ja Lust bekommen, Dir Katerland vorzubestellen. Das kannst Du hier. (Affiliate-Link)
Außerdem liest Prof. Schomerus exklusiv einen Tag vor Erscheinen des Buchs, am 26.08.2026 um 19 Uhr, im Rahmen einer OAMN Liveklasse daraus vor. Im Anschluss beantwortet er Fragen, die über den Liveklassen-Chat gestellt werden können. Zugang erhältst Du über das OAMN Abo, Infos dazu findest Du hier.
Unter allen Teilnehmenden der Liveklasse verlosen wir im Anschluss eine signierte Ausgabe von Katerland mit persönlicher Widmung.
Zur Podcastfolge mit dem Interview vom Sommerkongress geht’s hier entlang.
Mit diesem Newsletter verabschieden wir uns in die Sommerpause. Heißt: Wir pausieren den Newsletter und fahren auf Social Media deutlich runter. Im Programmbereich haben wir dafür gesorgt, dass es wie gewohnt weitergeht. Die Onlinegruppe und unser Supportteam sind also nach wie vor für Dich am Start. 😊
Ich mache jetzt ein paar Wochen Urlaub und wünsche Dir einen wunderschönen Sommer.
