Newsletter3. August 2026

Die Alkopops sind zurück

Wenn Du sowas liest wie 9,5 Millionen Erwachsene in Deutschland haben in den letzten 30 Tagen Rauschtrinken betrieben oder 3,9 Millionen leiden an einer alkoholbezogenen Störung, dann geht das auf den sogenannten Epidemiologischen Suchtsurvey zurück. Dafür befragt das Münchner Institut für Therapieforschung (IfT) die deutsche Bevölkerung im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums alle drei Jahre zu ihrem Drogenkonsum. Der Epidemiologische Suchtsurvey ist für Deutschland die Quelle, wenn es darum geht, problematischen Alkoholkonsum in der Bevölkerung zu messen.

Ich habe mir die detaillierte Alkohol-Auswertung des ESA angeschaut (abgekürzt wird die englische Bezeichnung Epidemiological Survey on Substance Abuse) und Dir meine Gedanken dazu aufgeschrieben. Die Zahlen sind unbequemer, als manch Nachricht vom sinkenden Alkoholkonsum vermuten lässt.

Rentenalter schützt nicht vor Alkoholproblemen

Das IfT hat bei diesem Suchtsurvey erstmals auch die Altersgruppen der 65-85-Jährigen befragt. Dadurch sind ein paar Unterschiede zwischen Alt und Jung noch deutlicher geworden. In der Altersgruppe der 60-85-Jährigen trinken die meisten Wein und Sekt, sprich: knapp die Hälfte, dicht gefolgt von Bier. In allen Altersgruppen trinken Frauen deutlich mehr Sekt und Wein, Männer deutlich mehr Bier. Ok, das ist nicht sonderlich überraschend.

Interessant finde ich in Bezug auf die neue Altersklassenerhebung vor allem, dass problematische Trinkmuster im Rentenalter nicht verschwinden. Rauschtrinken ist in den hohen Altersgruppen am wenigsten stark verbreitet, doch ungefähr jeder sechste der 65-85-Jährigen bewegt sich im riskanten oder hochriskanten Bereich – konsumiert also regelmäßig Alkoholmengen, die Körper und Psyche nicht nur schwächen, sondern krank machen. Dieses regelmäßige Trinken fällt nicht so stark auf wie der Exzess, ist deshalb aber nicht weniger harmlos. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Alkohol im Alter noch stärker wirkt als ohnehin schon, weil der Körperwasseranteil mit den Jahren sinkt. Hinzu kommen altersbedingte Beschwerden und Erkrankungen, die Alkoholkonsum befeuert, oder auch mögliche gefährliche Wechselwirkungen mit Medikamenten.

Die Alkoholpops sind zurück

Bei den 18-20-Jährigen sind Mixgetränke am beliebtesten. Also süße Getränke mit harten Spirituosen. Moment, hatten wir das nicht hinter uns? Du erinnerst Dich bestimmt an die Komasauf-Debatte Anfang dieses Jahrtausends. Die führte 2004 zur Einführung der sogenannten Alkopop-Steuer. Damit brach der Absatz dieser verführerischen, süßen Einstiegsgetränke ein, die viel Alkohol enthalten, den man aber kaum schmeckt. Voll gut, diese Steuer.

ABER: Nicht mit uns, dachte sich die Alkoholindustrie offenbar, das sind doch unsere Kunden von morgen, es ist wichtig, dass die auf den Geschmack kommen. Und sie fanden eine Möglichkeit, die Steuer zu umgehen. Nun verkaufen sie Mixgetränke mit exakt 10 Volumenprozent. Deutlich härter noch als die früheren Alkopops, aber wieder so schön günstig wie früher. Denn die Steuer gilt nur für süße Spirituosenmischgetränke mit mehr als 1,2, aber weniger als 10% vol. Das ist so dreckig und erinnert mich an die Tabakindustrie, die es gerade auch wieder wunderbar hinbekommt, Jugendliche abhängig von E-Vapes zu machen, nachdem der Zigarettenkonsum einbrach.

Alarmierende Zahlen beim Rauschtrinken

Wir haben ein Rauschtrinkproblem. Nicht nur, aber vor allem bei den Jungen. Können wir bitte aufhören so zu tun, als gäbe es das nicht mehr, nur weil mehr junge Menschen als früher abstinent leben? Binge Drinking ist unter jungen Erwachsenen erschreckend weit verbreitet. Bei den 21-24-Jährigen schießt sich mehr als jeder vierte mindestens einmal im Monat ab. Ich finde das so alarmierend. Am höchsten ist der Anteil der Binge Drinker bei Männern im Alter von 25 bis 29. Das ist an sich nichts Neues, junge Männer sind da seit Jahrzehnten vorne, aber vielleicht sollten wir darüber wieder mehr reden. Es ist total wichtig, auf die Langzeitfolgen von Alkoholkonsum hinzuweisen, auf all die Krankheiten, die er verursachen oder mitbefördern kann: etliche Krebsarten, Schlaganfälle, Bluthochdruck, Herzinfarkte und viele mehr. Aber genauso wichtig ist es, sich daran zu erinnern, wie viele Menschen dadurch sterben, dass sie betrunken verbrennen, ertrinken, in den Tod stürzen oder anderweitig verunfallen. Das sind halt meistens die jungen. Und am häufigsten die jungen Männer.

Abhängigkeit unter jungen Menschen besonders hoch

Das Einstiegsalter ist beim Trinken von 17,4 in der ältesten Altersgruppe auf 14,9 in der jüngsten Altersgruppe gesunken. Zweieinhalb entscheidende Jahre, wenn es um Suchtentwicklung geht. Je früher der Einstieg, desto wahrscheinlicher eine spätere Abhängigkeit. Jedes Jahr zählt, das weiß auch die Alkoholindustrie. Ich sag nur süße Spirituosenmischgetränke, bei denen man den Alkohol nicht schmeckt.

Die Zahlen zur Abhängigkeit sind dementsprechend bestürzend. Bei den 75-85-Jährigen sind 1,9% abhängig, bei den 25-29 Jährigen sind es 7,8%! Das liegt natürlich auch daran, dass Menschen mit Alkoholabhängigkeit häufig früher sterben und gar nicht erst 75 Jahre alt werden, was die Zahl nicht besser macht. Auffällig ist zudem, dass die jungen Frauen die Männer bei der Abhängigkeit überholt haben. Bei den 18-20-Jährigen sind 7,1% der Frauen abhängig und 6,9% der Männer. Das bestätigt die Trendwende, die sich seit Jahrzehnten vollzieht. Nämlich jene, dass Frauen bei problematischem Konsum aufholen. Woran das liegt, kannst Du in meinem Buch Frauen und Alkohol detailliert nachlesen. Ein Grund: gezieltes, auf Frauen ausgerichtetes Alkoholmarketing.

Fazit: Wir haben ein Problem

Voll gut, dass wir nun auch Einblick in die Altersgruppen der 65-84-Jährigen bekommen. Sie mit in diese Befragung reinzunehmen ist wichtig und interessant, zumal sie fast ein Viertel der Stichprobe ausmachen. Was mich aber wirklich geflasht hat, war wieder einmal, was bei den 18-25-Jährigen abgeht, die ja angeblich so wenig trinken. Von wegen. Es gibt halt insgesamt einfach mehr Menschen, die gar nicht trinken. Jene, die trinken, trifft es umso härter. Es wird Zeit, dass das Einzug in den öffentlichen Diskurs findet.

Zum Kurzbericht geht es hier, die Seite zum gesamten Suchtsurvey findest Du hier.