14.10.2024

Martin: „Mit Kopfweh zum Sport“

Vielleicht hast Du schon mal den Begriff „high-functioning alcoholic“ gehört. Das lässt sich im Deutschen am treffendsten mit „hochfunktionierendem Alkoholiker“ übersetzen, manche nennen es auch „hochfunktionales Trinken“. Ich finde, der englische Begriff trifft den Kern dieses Phänomens ein bißchen besser. Es geht nämlich darum, dass Du vordergründig ein perfekt funktionierender Teil der Gesellschaft bist – während Deine Gedanken im Hintergrund um die nächste Gelegenheit kreisen, an der Du trinken kannst. Dein Trinkverhalten ist definitiv problematisch, aber hey, Du funktionierst ja noch. Eigentlich. Zumindest von außen betrachtet.

Mein Programmteilnehmer Martin hat kürzlich im Podcast „Auf Herz und Nieren“ über dieses Thema gesprochen. Er erklärt in der Folge total anschaulich, wie anstrengend hochfunktionales Trinken für seinen Köper und seine Psyche war:


Martin

Das habe ich vor allem an den Tagen gemerkt, an denen ich schon nachmittags Bier getrunken habe und dann wirklich gegen 22 Uhr mit einem Pegel ins Bett gegangen bin. Ich hab mir einen Wecker auf fünf Uhr morgens gestellt, Kaffee gemacht, manchmal noch eine Zigarette geraucht und dann meinen Sport gemacht. Liegestützen, Klimmzüge und so weiter. Die habe ich in meiner letzten Trinkphase bei knapp über null Grad draußen gemacht, ungefähr eine Stunde lang. Dann bin ich gegen halb sieben wieder in die Küche gegangen, habe Frühstück für mich und die Kinder gemacht, habe die Kinder in die Kita gebracht und bin dann ins Büro gefahren.

Und permanent war da diese dunkle Wolke, das schlechte Gewissen, das doofe Gefühl und der Selbsthass. Der ja auch dadurch entsteht, dass man einfach merkt: Man ist drüber. Man macht was, das nicht normal ist, aber man kann sich das nicht eingestehen. Unterbewusst ist dieses Gefühl immer stärker in mir gewachsen, aber gleichzeitig habe ich gemerkt: Es geht alles, es kritisiert Dich keiner. Du bist pünktlich in der Kita, pünktlich im Büro, sitzt pünktlich in der ersten Besprechung. Es funktioniert scheinbar alles. Außer natürlich, dass ich morgens beim Sport Kopfweh hatte und teilweise Schwindelgefühle. Aber ich hab mir dann halt gedacht: Naja, dafür machst Du den Sport ja jetzt auch, damit Du Dir dann abends wieder was gönnen kannst. Es hat sich aber permanent angefühlt wie ein permanentes Ausbalancieren eines schlimmen Übels. Und das ist immer mehr gewachsen, so dass letztendlich das Fass überlief und ich wusste: Abstinent zu leben ist die einzige Möglichkeit, aus diesem Strudel herauszukommen.


Entstanden ist diese Podcastfolge im Rahmen einer Presseanfrage an OAMN, die wir an Martin weitergeleitet haben. Solltest Du auch Interesse daran haben, dass wir Presseanfragen an Dich weitervermitteln, dann schreib uns gern ein paar Zeilen zu Deiner Geschichte und eine Mailadresse, unter der Dich Pressevertreter:innen erreichen können.

Ich habe zum Thema „high-functioning alcoholic“ auch schon mal ein Video auf meinem YouTube-Kanal veröffentlicht. Falls Du’s noch nicht kennst oder Dein Gedächtnis auffrischen möchtest, bitte hier entlang.

Und: Am 25.12.2024 erscheint mein zweites Buch. Es heißt „Frauen und Alkohol: Wie sie trinken, warum sie trinken und was sie gewinnen, wenn sie damit aufhören.“ Ich bin schon ganz aufgeregt und hoffe, es wird viele Menschen erreichen und stärken. Vorbestellen kannst Du es unter diesem Link.


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